Die St. Johannes Kirche / Wiefelstede

Andacht mit Predigt zu Palmsonntag, 5. April 2020

Andacht mit Predigt zu Palmsonntag, 5. April 2020

von Vikarin Lina Kohring / Wiefelstede

 

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Christushymnus (Philipper 2,6-11)

 

Jesus Christus, von göttlicher Gestalt war er.

Aber er hielt nicht daran fest, Gott gleich zu sein –

so wie ein Dieb an seiner Beute.

Sondern er legte die göttliche Gestalt ab

und nahm die eines Knechtes an.

Er wurde in allem den Menschen gleich.

In jeder Hinsicht war er wie ein Mensch.

Er erniedrigte sich selbst

und war gehorsam bis in den Tod –

ja, bis in den Tod am Kreuz.

Deshalb hat Gott ihn hoch erhöht:

Er hat ihm den Namen verliehen,

der allen Namen überlegen ist.

Denn vor dem Namen von Jesus

soll sich jedes Knie beugen –

im Himmel, auf der Erde und unter der Erde.

Und jede Zunge soll bekennen:

»Jesus Christus ist der Herr!«

Das geschieht, um die Herrlichkeit Gottes, des Vaters,

noch größer zu machen.

 

 

Evangelium des Sonntags (Johannes 12,12-19)

 

Am nächsten Tag hörte die große Menge, die sich zum Fest in der Stadt aufhielt: Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Da nahmen sie Palmenzweige und liefen ihm entgegen. Sie riefen:

„Hosanna! Stimmt ein in unser Loblied auf den, der im Namen des Herrn kommt! Er ist der König Israels!“ Jesus fand einen jungen Esel und setzte sich darauf – genau so, wie es in der Heiligen Schrift steht (Sacharja 9,9): „Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Sieh doch: Dein König kommt! Er sitzt auf dem Jungen einer Eselin.“ Die Jünger von Jesus verstanden das zunächst nicht. Aber als Jesus in Gottes Herrlichkeit aufgenommen war, erinnerten sie sich daran. Da wurde ihnen bewusst, dass dieses Schriftwort sich auf ihn bezog. Denn genau so hatten ihn die Leute empfangen. Die vielen Leute, die dabei gewesen waren, bezeugten:

„Er hat den Lazarus aus dem Grab gerufen und ihn vom Tod auferweckt!“ Deshalb kam ihm ja auch die Volksmenge entgegen. Sie alle hatten gehört, dass er dieses Zeichen vollbracht hatte. Aber die Pharisäer sagten zueinander: „Da merkt ihr, dass ihr nichts machen könnt. Seht doch! Alle Welt läuft ihm nach!“

 

 

Wochenlied: Dein König kommt in niedern Hüllen (EG 14, 1+5-6)

 

1. Dein König kommt in niedern Hüllen,
ihn trägt der lastbarn Es'lin Füllen,
empfang ihn froh, Jerusalem!
Trag ihm entgegen Friedenspalmen,
bestreu den Pfad mit grünen Halmen;
so ist's dem Herren angenehm.

5. O Herr von großer Huld und Treue,
o komme du auch jetzt aufs neue
zu uns, die wir sind schwer verstört.
Not ist es, dass du selbst hienieden
kommst, zu erneuen deinen Frieden,
dagegen sich die Welt empört.

6. O lass dein Licht auf Erden siegen,
die Macht der Finsternis erliegen
und lösch der Zwietracht Glimmen aus,
dass wir, die Völker und die Thronen,
vereint als Brüder wieder wohnen
in deines großen Vaters Haus.

 

 

Predigtabschnitt für den heutigen Sonntag: Markus 14, 3-9 (Basisbibel)

 

3 Jesus war in Betanien. Er war zu Gast bei Simon, dem Aussätzigen. Als er sich zum Essen niedergelassen hatte, kam eine Frau herein. Sie hatte ein Fläschchen mit Salböl dabei. Es war reines kostbares Nardenöl. Sie brach das Fläschchen auf und träufelte Jesus das Salböl auf den Kopf.

4 Einige ärgerten sich darüber und sagten zueinander: „Wozu verschwendet sie das Salböl?

5 Das Salböl war mehr als dreihundert Silberstücke wert. Man hätte es verkaufen können und das Geld den Armen geben.“ Sie überschütteten die Frau mit Vorwürfen.

6 Aber Jesus sagte: „Lasst sie doch! Warum macht ihr der Frau das Leben schwer? Sie hat etwas Gutes an mir getan.

7 Es wird immer Arme bei euch geben, und ihr könnt ihnen helfen, sooft ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht für immer bei euch.

8 Die Frau hat getan, was sie konnte: Sie hat meinen Körper im Voraus für mein Begräbnis gesalbt.

9 Amen, das sage ich euch: Überall in der Welt, wo die Gute Nachricht weitergesagt wird,

wird auch erzählt werden, was sie getan hat. So wird man sich immer an sie erinnern.“

 

 

Predigt

 

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können. 

 

So beginnt der Poetry-Text (eine Art Gedicht) von Julia Engelmann. Ich frage mich in den letzten Tagen oft, wie das wohl bei uns aussieht mit den Geschichten, die wir mal erzählen. Nach Corona. Um ehrlich zu sein, ich werde nicht sehr viel zu erzählen haben: Den Abstellraum endlich entrümpelt, das Auto ausgesaugt, alte Kleidung aussortiert, … – das habe ich alles nicht gemacht. Natürlich habe ich in der ersten Woche „Corona-Kontaktverbot“ gesagt: „So Lina, jetzt ziehst du das hier mal richtig durch. Jetzt machst du all das, was sonst immer liegen bleibt.“ Und es steht auch immer noch alles auf meiner gedanklichen To-Do-Liste. Aber ob ich es machen werde? Ob ich später mal die Geschichte von dem einen Pulli erzählen kann, den ich in der Corona-Zeit aussortiert habe und der noch heute das Lieblingsstück einer Freundin ist?

 

Und ich denke zu viel nach. Ich warte zu viel ab. Ich nehme mir zu viel vor – und ich mach davon zu wenig. Ich halte mich zu oft zurück – ich zweifel alles an, ich wäre gerne klug, allein das ist ziemlich dämlich.

 

Ständig hat sie drüber nachgedacht. Jahrelang auf den richtigen Moment gewartet. Sich immer wieder vorgenommen: „Heute mache ich es, heute nutze ich endlich dieses teure Öl. Heute ist DER Tag!“ Und es dann doch wieder nicht gemacht – vielleicht bietet sich ja eine noch bessere Gelegenheit. Es soll ja nicht vergeudet werden. Sie hat sich zurückgehalten, an sich selbst gezweifelt: „Hätte ich es wirklich kaufen sollen? Von all meinem Ersparten? Ohne zu wissen, wofür ich es genau brauche?“ Wann würde wohl der eine Moment sein, in dem sie den ersten Tropfen des Salböls verschwendet?

 

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

 

Meine Geschichten werden wohl recht unspektakulär sein:

Ich habe beim ersten Bissen ins Frühstücksbrötchen in die Sonne geblinzelt und mein Herz hat gelacht vor lauter Freude über das gute Wetter, das die Laune immer ein bisschen besser macht. 

Ich habe mit meinem Mann gebannt am Wohnzimmertisch gesessen und „Phase 10“ gespielt, bis in die Nacht hinein, sodass ich die Spielkarten sogar in meinen Träumen ausgelegt habe. 

Ich habe stundenlang mit meiner Mutter telefoniert und eigentlich nichts Weltbewegendes besprochen – einfach miteinander Zeit verbracht, gequatscht, zugehört, manchmal auch geschwiegen. 

Und ich habe sehnlichst drauf gewartet, dass jemand (im besten Fall ein Vogel…) in unser Vogelhaus im Garten einzieht – leider bislang erfolglos. 

Aber klar, man hätte vieles andere tun können…

 

Also lass uns doch Geschichten schreiben, die wir später gern erzählen. Lass uns Feste wie Konfetti schmeißen, sehen, wie sie zu Boden reisen und die gefallenen Feste feiern, bis die Wolken wieder lila sind. Wir haben schon viel zu lang gewartet, lass mal Dopamin vergeuden.

 

Heute ist der Tag! Heute verschwendet sie ihr kostbares Salböl. Heute. Für Jesus. Einfach machen. Einfach durchgehen. Egal was drum herum passiert. Die Männer, die dort zusammensitzen, einfach vergessen. Tunnelblick. Sie nimmt das Fläschchen, bricht es auf und träufelt es Jesus auf den Kopf. Ein Jahreslohn tröpfelt über seine Ohren, auf die Schultern und die Arme herunter. Perfekt. „Hosanna! Stimmt ein in unser Loblied auf den, der im Namen des Herrn kommt! Er ist der König Israels!“ – so klingt es noch in ihren Ohren. Eine bessere Verwendung hätte es für ihr Öl nicht geben können. Jesus Christus zieht ein in Jerusalem. Zieht ein in das Haus eines Aussätzigen. Zieht ein in ihr Leben. 

Und sie hört die Worte Jesu zu sich durchdringen: „Überall in der Welt, wo die Gute Nachricht weitergesagt wird, wird auch erzählt werden, was sie getan hat. So wird man sich immer an sie erinnern.“

 

Also los, schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen. Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die für immer unsere sind.

 

Lassen Sie uns Geschichte schreiben. Abseits von den schrecklichen Geschichten, die unseren Alltag in diesen Zeiten begleiten. Abseits von Unsicherheit. Sorgen. Angst.

Geschichten, die wir später gern erzählen. 

Von geschenkten Tagen – in denen gedöst, gespielt, gelesen oder gequatscht wird. 

Von verschwendetem Öl – oder vielleicht alternativ dem guten Wein, der schon seit dem Spanienurlaub 2018 darauf wartet, geöffnet zu werden? 

Von guten Worten – dir wir mit geliebten Menschen geteilt haben: Am Telefon, per Textnachricht oder mit einer Postkarte.

Von genossenem Essen – bei dem vielleicht das Rezept ausprobiert wird, das man schon im letzten Jahr zugeschickt bekommen hat?

 

Oder von gewonnener Zeit. Heute. Am Palmsonntag. Denn genau heute wird die Geschichte geschrieben, in der Jesus Christus einzieht in Jerusalem. Einzieht in Ihr Haus. Einzieht in Ihr Leben.

 

Amen.

 

 

Gebet

 

Guter Gott,

Du schreibst Geschichte mit uns. 

Du ziehst ein in unser Leben. 

Du veränderst den Blickwinkel.

Lass uns in dieser Woche verschwenderisch sein. 

Mit unserer Zeit. Mit guten Worten. Mit unserer Liebe.

 

Wir bitten dich für die Menschen,

die für uns Geschichte schreiben.

In Krankenhäusern und Pflegeheimen.
In Feuerwehren und Supermärkten.
In Kitas und Apotheken.
Auf Feldern und in Ställen.

In Ämtern und Gemeinden.

Begleite und stärke sie.

 

Wir bitten dich für die Menschen,

die ihre eigene Geschichte im Moment nicht schreiben können.

Für Flüchtlinge und Vergessene.
Für Opfer von häuslicher Gewalt.
Für Hungernde nach Essen oder Liebe.
Für Einsame und Verlassene.

Halte und bewahre sie.
 

Guter Gott,

du lässt uns teilhaben an deiner Liebe. 

Dafür danken wir dir.

Heute und jeden Tag neu.

Amen.

 

 

(Predigt und Gebet: Vikarin Lina Kohring)

Andacht mit Predigt zum 5. Sonntag der Passionszeit (Judika), 29. 3. 2020

Andacht mit Predigt zum 5. Sonntag der Passionszeit (Judika), 29. 3. 2020

 

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Der Psalm des Sonntags (Psalm 43, 1-5)

Schaffe mir Recht, Gott,

und führe meine Sache wider das treulose Volk

und errette mich von den falschen und bösen Leuten!

         Denn du bist der Gott meiner Stärke:

         Warum hast du mich verstoßen?

Warum muss ich so traurig gehen,

wenn mein Feind mich drängt?

         Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten

         und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,

dass ich hineingehe zum Altar Gottes, 

zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,

und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.

         Was betrübst du dich, meine Seele, 

         und bist so unruhig in mir?

Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken,

dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

         Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist,

         wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

         Amen.

 

 

Das Evangelium des Sonntags (Markus 10, 35-45)

Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

 

Das Lied des Sonntags (EG 97)

1. Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht,

ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht.

Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehen. 

Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

2. Wollen wir Gott bitten, dass auf unsrer Fahrt

Friede unsre Herzen und die Welt bewahrt. Kyrie eleison…

3. Denn die Erde klagt uns an bei Tag und Nacht.

Doch der Himmel sagt uns: Alles ist vollbracht! Kyrie eleison…

4. Wollen wir Gott loben, leben aus dem Licht.

Streng ist seine Güte, gnädig sein Gericht. Kyrie eleison…

5. Denn die Erde jagt uns auf den Abgrund zu.

Doch der Himmel fragt uns: Warum zweifelst du? Kyrie eleison…

6. Hart auf deiner Schulter lag das Kreuz, o Herr,

ward zum Baum des Lebens, ist von Früchten schwer. Kyrie eleison...

 

Hebräer 13, 12-14 (Predigtabschnitt für den heutigen Sonntag; Luther-Bibel)

12 Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, 

gelitten draußen vor dem Tor.

13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager 

und seine Schmach tragen.

14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt,

sondern die zukünftige suchen wir.

 

 

Predigt

Liebe Gemeinde,

„Wie schön wäre es, wenn alles so wie immer wäre!“ Das sagt eine Schülerin, die sich nicht mehr mit ihren Freundinnen treffen kann, das sagt der junge Mann, der statt Homeoffice und Kurzarbeit gerne zur Arbeitsstelle fahren würde, das denkt die alte Frau, die nur noch über das Telefon Kontakte pflegen kann. Vielleicht sagen das auch Sie, die/der Sie diese Zeilen lesen. 

Der Hebräerbrief lädt uns ein, weiter zu denken, einen Weg aus den trüben Gedanken zu finden. Unser Leben wird hier mit einer Stadt verglichen. Eine Stadt können wir uns wohl alle gut vorstellen: Manches in der Stadt wirkt, als ob es für die Ewigkeit gebaut ist, anderem sieht man an, dass es schon verfällt und nicht mehr lange Bestand haben wird.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“: Diese Worte passen in die Zeit, die wir gerade erleben, als wären sie genau für uns geschrieben worden. Sie passen in diese gegenwärtigen Tage, die so ganz anders als gewohnt ablaufen, in denen viele scheinbar feste Bestandteile unseres Lebens zu bröckeln beginnen, in denen wir daher so intensiv über unsere nähere und weitere Zukunft nachdenken. Hier lesen wir ganz grundsätzlich et-was über die Zukunft, über deine und meine Zukunft, Grundsätzliches aus dem Blickwinkel des Glaubens. Hier wird eine grundsätzliche Haltung zum Umgang mit Heute und Morgen ausgesprochen, eine Haltung, die tiefer reicht als etwa die aktuellen Finanzplanungen des Staates oder Überlegungen zum gegenwärtigen und zukünftigen Umgang mit Epidemien und Seuchen, so wichtig auch diese Punkte selbstverständlich sind und bleiben werden. Hier geht es nicht um konkrete Pläne, hier geht es um unsere eigene grundsätzliche Lebenseinstellung, die unaufgebbar zu unserem christlichen Glauben dazugehört: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ 

Im Zusammenhang mit dem Glauben taucht dieser Spruch in einem ganz bestimmten Bereich immer wieder auf, vielleicht ist es Ihnen gleich beim ersten Lesen in den Sinn gekommen? Ich selbst habe manchmal über diesen Spruch gepredigt, eben nie bei Taufen, Konfirmationen oder Hochzeiten, sondern immer bei Beerdigungen. Und dann war es häufig bei Menschen, die nach dem 2. Weltkrieg oder nach dem Ende der Sowjetunion hierhergekommen sind. Ihre ursprüngliche Heimat war keine bleibende Stadt, das hatten sie am eigenen Leib erfahren. 

Überhaupt erinnert die Rede davon, dass wir hier keine bleibende Stadt haben, uns schnell an Sterben und Tod. Da klingt etwas von dem an, was der Volksmund sagt: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Was bleibt am Ende übrig?  Eine Leistung, eine Gedenkstätte, eine Erinnerung? Für wie lange? Und mitnehmen können wir auch nichts... Da bekommt die Rede vom Hemd ohne Taschen und von der Stadt, die nicht bleibt, etwas Melancholisches, so wie eine dunkle Wolke über unserem Leben, die gerade in schweren Zeiten den eigenen Horizont überschatten kann. 

So richtig diese Einsicht sein mag, die das Sprichwort ausdrückt, sie ist vom christlichen Glauben her betrachtet zumindest unvollständig, steht am Ende sogar im Widerspruch zur Grundhaltung unseres Glaubens. „Wir haben hier keine bleibende Stadt“ ist nämlich nur die eine Hälfte unseres Bibelwortes. Wäre das alles, käme nichts hinterher, dann würde unser Glaube jeder Hoffnung entbehren und verlöre sich in Melancholie über die Vergänglichkeit allen Lebens. Zum Glück aber brauchen wir nicht auf halber Strecke stehen zu bleiben, es kommt noch etwas, es kommt das Entscheidende: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ 

Aus der Sicht des christlichen Glaubens braucht kein Mensch schwermütig zu werden, wenn ihm bewusst wird, dass er hier keine bleibende Stadt hat. Das Gegenteil ist der Fall, ist gleichsam der Glücksfall. Alles, was wir hier und jetzt erleben, nicht nur das Schöne, auch das Böse, das Bedrohliche, das Hässliche, alles das bleibt nicht, es kommt Besseres, es kommt das Beste, es kommt von Gott her: Gott wird seine Schöpfung einmal vollenden, sie zu ihrem endgültigen Ziel führen. Und wir als Teil dieser Schöpfung, wir sollen dann auch unsere Erfüllung erfahren. Für uns hat Jesus „draußen vor dem Tor“ gelitten. Unser Leben, das hier und jetzt so bedroht ist, wie wir es gerade durch die Pandemie erleben, dieses Leben, das so vergänglich und bruchstückhaft ist: in Gottes Zukunft soll es vollendet werden. 

Am Ende der Bibel wird das in einem großartigen Bild geschildert: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde… Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen…“: Christlicher Glaube weiß um die Zukunft, um den, der diese Zukunft bestimmt und Wirklichkeit werden lässt. Das sind nicht wir, es ist vielmehr Gott selber, er wird seine Schöpfung vollenden. Dann werden auch wir eine wahrhaft bleibende Stadt haben, die „ewiges Leben“ heißt. 

Darauf warten wir im Glauben, und dieses Warten darf und soll von Vorfreude bestimmt sein, Vorfreude auf deine und meine Vollendung. Das Warten in Vorfreude lässt uns auch dann gelassen und heiter sein, wenn es hier und heute nicht so recht vorangehen will oder eben manchmal auch ganz schlimm wird. Wir warten ja miteinander und wir sind darin nicht allein, gemeinsam suchen wir die zukünftige Stadt: Untereinander erleben wir viele Beispiele von Menschen, die gerade in diesen Zeiten einander helfen, füreinander beten, auch den Einsamen spüren lassen: Du bist nicht allein. Alles Schlimme und Böse ist nicht das Letzte oder das Ende. Am Ende steht Gott, am Ende steht unsere Vollendung, auf dieses Ende dürfen wir uns freuen. 

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir – ihr leben wir im fröhlichen Glauben entgegen. Amen.

 

Gebet

Gott, unser Vater, du bist unsere Hilfe, denn dir ist nicht fremd, 

was uns Kummer macht in der Tiefe unserer Seele. 

Du kennst die Unruhe, die uns umtreibt,

du weißt um die Not unserer Herzen.

Wir danken dir für die Menschen, 

durch die wir deine Hilfe erfahren dürfen,

die für uns da sind, die uns beistehen und uns Mut machen. 

So lass uns doch weiterhin dein Licht und deine Wahrheit,

deine Liebe und deine Güte spüren,

heute an diesem Sonntag und alle Zeit unseres Lebens, 

damit wir dich voll Freude und Dank loben 

und dir getrost entgegengehen.

Im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Amen.

 

(Predigt und Gebet: Friedgard Möllmann)

Andacht zum 4. Sonntag der Passionszeit (Lätare) (22. März 2020)

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Der Psalm des Sonntags (Psalm 84, 1-13):

Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!

Meine Seele verlangt und sehnt sich

nach den Vorhöfen des Herrn;

         mein Leib und Seele freuen sich

         in dem lebendigen Gott.

Der Vogel hat ein Haus gefunden

und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen –

deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott.

         Wohl denen, die in deinem Hause wohnen,

         die loben dich immerdar.

Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten

und von Herzen dir nachwandeln!

         Wenn sie durchs dürre Tal ziehen.

         wird es ihnen zum Quellgrund,

         und Frühregen hüllt es in Segen.

Sie gehen von einer Kraft zur andern

und schauen den wahren Gott in Zion.

         Herr, Gott Zebaoth, höre mein Gebet;

         vernimm es, Gott Jakobs!

Gott, unser Schild, schaue doch;

sieh an das Antlitz deines Gesalbten!

         Denn ein Tag in deinen Vorhöfen

         ist besser als sonst tausend.

Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause

als wohnen in den Zelten der Frevler.

         Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild;

         der Herr gibt Gnade und Ehre.

         Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.

Herr Zebaoth, wohl dem Menschen,

der sich auf dich verlässt!

 

Das Evangelium des Sonntags (Johannes 12, 20-24):

Es waren einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen´s Jesus. Jesus aber antwortete und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

 

Das Lied des Sonntags (EG 396):

1 Jesu, meine Freude, / meines Herzens Weide, / Jesu, meine Zier: / ach, wie lang, ach lange, / ist dem Herzen bange / und verlangt nach dir! / Gottes Lamm, mein Bräutigam, / außer dir soll mir auf Erden / nichts sonst Liebers werden.

3 Trotz dem alten Drachen, / Trotz dem Todesrachen, / Trotz der Furcht dazu! / Tobe, Welt, und springe; / ich steh hier und singe / in gar sichrer Ruh. / Gottes Macht hält mich in acht, / Erd und Abgrund muss verstummen, / ob sie noch so brummen.                                              (Text: Johann Franck 1653

 

 

Jesaja 66, 10-14

(Predigtabschnitt für den heutigen Sonntag; Luther-Bibel):

 

10 Freuet euch mit Jerusalem

         und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt!

Freuet euch mit ihr,

         alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

11 Denn nun dürft ihr saugen

         und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes;

denn nun dürft ihr ihr reichlich trinken

         und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

12 Denn so spricht der Herr:

Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom

         und den Reichtum der Völker

         wie einen überströmenden Bach.

Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen

         und auf den Knien euch liebkosen.

13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet;

         ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

14 Ihr werdet´s sehen und euer Herz wird sich freuen,

         und euer Gebein soll grünen wie Gras.

Dann wird man erkennen

         die Hand des Herrn an seinen Knechten

         und den Zorn an seinen Feinden.

 

Predigt

 

Liebe Gemeinde,

 

zum ersten Mal in der Bibel wird Gott mit einer Mutter verglichen. Es ist ein Bild, das wir von stillenden Müttern und in der christlichen Kunstgeschichte später vor allem von Maria kennen, wie sie den kleinen Jesus stillt. Stillende Mütter sind nicht nur ein Zeichen der Liebe und Fürsorge, sondern auch der Zuversicht und Hoffnung: Wenn sich Mütter um ihre Säuglinge kümmern, ist die Welt noch nicht am Ende, gibt es Zeichen der Hoffnung auch in schweren und schwierigen Zeiten.

 

Der Prophet Jesaja verkündet dem Volk Israel zum einen eine Stadt Jerusalem, an der man sich wie bei einer Mutter satttrinken soll. Damit machte er den Menschen damals Hoffnung. Viele der Israeliten, die noch in Babylon gefangen saßen, waren vor 2.500 Jahren eben noch nicht wieder ins Land Israel gekommen. Aber für das Land gibt es eine Hoffnung. Jerusalem wird wieder erblühen. Die Menschen werden dort Zuversicht, Hoffnung und vor allem auch eine Heimat finden. Das ist die Botschaft Jesajas für Menschen, die daran zweifeln, ob wirklich alles gut werden wird.

 

Dann wechselt das Bild. Letztlich ist es Gott selbst, der sein Volk trösten will. Auch in schwerer Zeit kann man darauf vertrauen, dass Gott sein Volk nicht im Stich lässt.

Wir, liebe Leserinnen und Leser dieser Predigt, stehen in einer anderen Situation als die Menschen damals in und um Jerusalem. Jetzt ist das öffentliche Leben stark eingeschränkt. Selbst Gottesdienste dürfen nicht stattfinden. Die Menschen, die arbeiten dürfen, zum Beispiel in Lebensmittelgeschäften und anderen Betrieben, sorgen sich um die Ansteckungsgefahr. Sie, aber auch gerade andere, die ihre Betriebe oder Geschäfte schließen müssen oder Umsatzeinbußen verzeichnen müssen, sorgen sich um Arbeitsstelle und Existenz.

 

Ebenfalls sehr bedrückend ist, dass Krankenhausbesuche stark eingeschränkt oder unmöglich sind. Wie sollen Familienangehörige Menschen beistehen, die im Krankenhaus liegen (und es muss ja nicht die Erkrankung am Corona-Virus sein, es betrifft alle Patienten)? Ich kenne auch Menschen, die für die Erhaltung der öffentlichen Ordnung wichtig sind, die ihre eigenen Eltern nicht mehr zuhause besuchen dürfen. Auch die Tröstung von Hinterbliebenen verstorbener Menschen ist stark eingeschränkt worden.

Es ist eine richtige Entscheidung, soziale Kontakte möglichst einzuschränken. Das Ziel ist der Schutz älterer und vorerkrankter Menschen. Immerhin ist die Frage der ökonomischen Sicherung der durch Schließungen betroffenen Betriebe in der Öffentlichkeit und in der Politik angekommen. Aber wie werden die Maßnahmen die Seelen der Menschen verändern? Telefon und Internet, im Übrigen auch die „sozialen Medien“, können Gemeinschaft, Kontakt, Trost, gemeinsames Weinen, gemeinsames Bangen und gemeinsames Lachen nicht ersetzen. Wie werden wir damit umgehen, dass am gleichen Wochenende, an dem viele Kirchen, Stätten des Trostes und der geistlichen Einkehr, geschlossen wurden, die Erlebniszeilen in Zwischenahn und an der Bremer Schlachte noch gut gefüllt waren? Es gibt ermutigende Zeichen der Gemeinschaft und gegenseitigen Hilfe, aber beim Toilettenpapier scheinen viele ihre eigenen Nächsten zu sein.

 

Die Ausbreitung des Corona-Virus ist zu nichts gut! Aber die Lage, in der wir uns jetzt befinden, sollte uns nicht zur Panik verleiten. Wir sollten die Ruhe bewahren. Und wir müssen erkennen, dass eins schon galt, bevor das Virus kam, aber in der modernen Gesellschaft leicht vergessen wird: Es ist nicht alles verfügbar! Man kann Vorsorge betreiben, man kann viele Dinge regeln, aber das Leben ist immer wieder gefährdet. Über dem Virus sollten wir nicht vergessen, dass in Syrien Zigtausende Menschen immer noch vertrieben oder getötet werden. Das war schon in den Hintergrund getreten, als wir vor ein paar Wochen noch über den Klimawandel diskutierten. Jetzt hat uns ein anderes Thema eingeholt.

 

Unser eigenes Tun kann einiges bewegen. Aber wir haben nicht alles selbst in der Hand. Wir können unser Leben selbst gestalten, selbst wenn einiges eingeschränkt ist, aber unser Leben ist aufgehoben und geborgen in einem, der größer ist alles, was uns begegnen kann: unserem Gott!

 

Kann eine Mutter eine Beule wegzaubern? Nein! Aber sie kann pusten! Und dabei kommt es wohl nicht auf das Pusten an, sondern dass es meine Mutter ist, die mich geboren hat, die mich nicht loslässt! Auch Gott lässt uns nicht los! Er kümmert sich um uns! Krankheit, Einsamkeit, selbst Trostlosigkeit und Verlassenheit (Jesus selbst ruft am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“) sind keine Zeichen der Trennung Gottes von uns Menschen. Er bleibt uns treu, selbst wenn wir das Haus nicht verlassen dürfen oder wollen.

 

Was wir jetzt erleben, geht uns in´s Gebein! Aber der Prophet Jesaja ist gewiss: Das Gebein, manchmal schlotternd und vordergründig auch dem Ende und dem Verfall preisgegeben, wird grünen. In dieser schwierigen Zeit können auch wir unsere Hoffnung auf einen Gott setzen, der uns nicht dem Verfall preisgeben, sondern uns grünen lassen will.

Behalten Sie bei aller Sorge um sich und um Andere den im Blick, auf den wir unsere Sorge werfen können: Jesus Christus! Zwischen den Extremen von Laisser-faire-Haltung und Panikmache lässt er uns zuversichtlich bleiben, Vertrauen in Gottes Gegenwart behalten und in Verantwortung für den Nächsten das Notwendige tun.

Amen.

 

Gebet

Herr, unser Gott,

uns ist bange!

Um uns selbst und unsere Gesundheit,

um die Gesundheit der Menschen, die wir lieben,

um die Gemeinschaft in unserem Dorf und in der Welt.

Gib uns Kraft, Geduld und Besonnenheit,

lass uns und die Menschen um uns herum gesund bleiben,

schenke den Kranken Zuversicht und Genesung,

ihren Angehörigen Hoffnung und Beistand,

den Sterbenden deine treue Gegenwart über den Tod hinaus.

Gib Zuversicht auch

den Menschen, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen,

den Menschen, die unsere Versorgung und Ordnung aufrechterhalten,

den Männern und Frauen in Politik und Verwaltung.

Tröste uns, wie eine Mutter ihr Kind tröstet!

Gib uns Glauben, der sich nicht beirren lässt,

Hoffnung, die über den heutigen Tag hinaus trägt,

Liebe, die Türen und Herzen öffnet.

Im Namen unseres Herrn Jesus Christus.

Amen

 

(Predigt und Gebet: Tim Unger)

Lina Kohring, Vikarin aus Wiefelstede, gestaltet virtuellen Gottesdienst mit

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