Die St. Johannes Kirche / Wiefelstede

Andacht mit Predigt zum 3. Sonntag nach Ostern (Jubilate, 3. Mai 2020)

Andacht mit Predigt zum 3. Sonntag nach Ostern

(Jubilate, 3. Mai 2020)

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Der Psalm des Sonntags (Psalm 66, 1-9)

Jauchzet Gott, alle Lande!

Lobsinget zur Ehre seines Namens; rühmet ihn herrlich!

            Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!

            Deine Feinde müssen sich beugen vor deiner großen Macht.

 

Alles Land bete dich an und lobsinge dir,

lobsinge deinem Namen.

            Kommt her und sehet an die Werke Gottes,

            der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.

 

Er verwandelte das Meer in trockenes Land,

sie gingen zu Fuß durch den Strom;

dort wollen wir uns seiner freuen.

 

            Er herrscht mit seiner Gewalt ewiglich, seine Augen schauen auf die Völker.

            Die Abtrünnigen können sich nicht erheben.

 

Lobet, ihr Völker, unsern Gott,

lasst seinen Ruhm weit erschallen,

 

            der unsre Seelen am Leben erhält

            und lässt unsere Füße nicht gleiten.

 

Das Lied des Sonntags (EG 432)

1. Gott gab uns Atem, damit wir leben,

er gab uns Augen, dass wir uns seh'n.

Gott hat uns diese Erde gegeben,

dass wir auf ihr die Zeit besteh'n.

Gott hat uns diese Erde gegeben,

dass wir auf ihr die Zeit besteh'n.

 

2. Gott gab uns Ohren, damit wir hören.

Er gab uns Worte, dass wir versteh'n.

Gott will nicht diese Erde zerstören.

Er schuf sie gut, er schuf sie schön.

Gott will nicht diese Erde zerstören.

Er schuf sie gut, er schuf sie schön.

 

3. Gott gab uns Hände, damit wir handeln.

Er gab uns Füße, dass wir fest steh'n.

Gott will mit uns die Erde verwandeln.

Wir können neu ins Leben geh'n.

Gott will mit uns die Erde verwandeln.

Wir können neu ins Leben geh'n.

 

Das Evangelium des Sonntags, zugleich Predigttext (Johannes 15, 1-8)

Christus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

 

Predigt

 

Liebe Gemeinde,

vor einigen Tagen äußerte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble: „Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig." Wenn es überhaupt einen absoluten Wert im Grundgesetz gebe, sei das die Würde des Menschen.

 

Ausgelöst durch die tiefgreifenden Verordnungen und Gesetze im aktuellen Ausnahmezustand unserer Zeit stößt er eine Diskussion um die entscheidenden Werte an. Was meinen Sie selbst? Nach welchen Maßstäben sollen sich die Politiker in ihren Abstimmungen richten? Welche Maßnahmen der Regierung können Sie selbst als Bürgerin oder Bürger dieses Landes bejahen? Was entspricht den christlichen Werten, die uns als Christen leiten sollen? Vor allem: Worin bestehen diese Werte überhaupt, was gibt mir als Christ Orientierung?

 

Wenn wir uns heute auf die Suche nach einer solchen Leitlinie machen, dann haben wir es am heutigen Sonntag Jubilate relativ leicht. Das Evangelium des heutigen Sonntags spricht von so etwas wie Lebensorientierung und es bietet uns zugleich ein Bild, von dem sich unser Nachdenken leiten lassen kann. Wir begegnen da allerdings keinem Leitbild, auf das sich Politiker nach langer Diskussion geeinigt hätten. Nein – im Evangelium redet der Herr der Kirche, redet Christus zu den Seinen und bietet ihnen ein Bild, ja, malt ein Bild vor ihr inneres Auge, vor unser inneres Auge, ein Bild, an dem wir uns mit unserem Leben und mit unserem Glauben orientieren können; ein Bild, das uns Hilfe bietet, den Sinn unseres Glaubens und unseres Lebens recht zu bedenken.

 

Christus benutzt ein Bild aus der Landwirtschaft, ein Bild, das uns hier nicht so geläufig ist wie den Menschen um das Mittelmeer herum, ein Bild, in das wir uns aber, glaube ich, dennoch gut hineinbegeben können. Er malt uns einen Weinstock vor unser inneres Auge. Und er bezeichnet sich selbst als wahren Weinstock. Sein und unser himmlischer Vater ist der Winzer, der den Weinstock gepflanzt hat und ihn pflegt. Wir sind in diesem Bild die Rebzweige. Und der Sinn unseres Daseins als Rebzweige besteht darin, Frucht zu bringen, Weintrauben hervorzubringen, die dann geerntet und in Wein verwandelt werden. So weit, so gut.

 

Wofür haben wir zu sorgen, was ist es, das wir abzuliefern haben? Frucht, schlicht und einfach Frucht. Um im Bild zu bleiben, die Frucht des Weinstocks, die Weintraube, aus der das Gottesgeschenk des Weins wird. So weit das Bild.

 

Was bedeutet das denn auf unser Leben übertragen, dieses Fruchtbringen? Bevor wir das konkret benennen, können wir vielleicht noch einmal im Bild bleiben. Christus hat ja sicher nicht von ungefähr gerade das Bild vom Weinstock und seinen Früchten gebraucht. Er hätte ja auch sagen können: Ich bin der Rosenstrauch und ihr seid die Dornen. Oder: Ich bin der Baum und ihr seid die Blätter. Er sagt aber: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Rebzweige, und als Rebzweige sollt ihr Frucht bringen; Wein soll werden.

 

Für die Bibel und so auch für Jesus Christus, der lebt, der denkt, der spricht aus der Tiefe des Alten Testaments, für die ganze Bibel und für Jesus selbst ist der Wein ein Gottesgeschenk an die Menschen. In einem Psalm wird Gott dafür gepriesen, dass der Wein das Herz des Menschen erfreut. Und in den Sprüchen Salomos heißt es, dass man den Elenden Wein geben soll, dass sie trinken und ihr Elend vergessen und nicht mehr an ihr Unglück denken. Wenn Christus die Frucht, die wir im Leben und im Glauben erbringen sollen, im Bild des Weines beschreibt, dann sollen wir Menschen zur Freude verhelfen, ihnen Trost spenden, ihre Herzen aufrichten.

 

Wie aber soll das konkret aussehen? Wie sollen wir uns verhalten?

Lassen wir noch einmal Jesus selbst zu Wort kommen:

„Bleibt in mir und ich in euch.

Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst,

wenn sie nicht am Weinstock bleibt,

so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.

Wer in mir bleibt und ich in ihm,

der bringt viel Frucht,

denn ohne mich könnt ihr nichts tun…“

 

Rebzweige können nur fruchten, wenn sie mit dem Weinstock verbunden sind. Unser Leben kann nur fruchtbar sein, wenn wir mit Christus, unserem Weinstock, verbunden sind und verbunden bleiben. Ein Zweig kann weder getrennt vom Weinstock existieren noch gar Frucht bringen. Vom Weinstock abgetrennt, verdorrt der Rebzweig, taugt zum Kompost oder zum Verbrennen. Seinen Lebenssinn, Wein zu ermöglichen, wird er so nie erreichen.

Wenn es uns im Sinne unserer anfänglichen Frage um eine gute Lebensausrichtung geht, dann kann die Devise nur heißen: Er in uns und wir in ihm, allerinnigste Verbindung; denn so ist es auch beim Wein: Was nachher an guten und wohltuenden Inhaltsstoffen im Wein ist, das ist in die Frucht eingegangen über den Zweig und aus dem Weinstock. Der Weinstock transportiert, was er aus der Erde und der Sonne gesogen hat, über die Zweige in die Trauben und somit in den Wein, der die Herzen der Menschen erfreuen soll. Die Zweige müssen in ihm stecken und er in den Zweigen, damit er sein Bestes in die Frucht bringen kann.

 

Wir müssen in Christus stecken und er in uns, damit er über uns sein Bestes in den Wein bringen kann, in den Wein, der die Herzen der Menschen erfreut und sie in ihrem Elend tröstet. Im Sinne Jesu gut leben heißt, diese Verbindung zu halten, innigste Verbindung. Die Verbindung entsteht mit unserer Taufe. Sie bleibt – ja, wie bleibt sie überhaupt? Zweierlei spricht Jesus hier an: „… wenn meine Worte in euch bleiben, werdet ihr beten…“

 

Verbindung halten hat erst einmal etwas mit seinen Worten zu tun, mit dem Eindringen in seine Worte. Einer seiner Jünger sagte einmal zu ihm: „Du hast Worte des ewigen Lebens.“ Seine Worte tief in unser Herz aufnehmen und wieder und wieder bewegen und betrachten, das ist es; das ist es auch, was Martin Luther gewollt hat und weshalb er die Bibel in unsere Sprache übersetzt hat, damit wir Gottes Worte aufnehmen können, damit wir so in ihm bleiben können. Und das andere ist das Beten. Mit ihm reden, seine Gegenwart in der Stille spüren, seinen Lobgesang anstimmen, sich ihm öffnen. Ihn in sich aufnehmen, und dann natürlich weiterleiten, Frucht bringen, Wein schaffen, der die Elenden tröstet und die Herzen erfreut.

 

Wie geschieht das? Das heißt doch nichts anderes als ihn weiterzureichen; er, Christus, ist die Mitte dieses wohlschmeckenden Weines. Das heißt, unseren Glauben weiterzugeben. Wenn Jesus hier vom Fruchtbringen spricht, meint er uns in unseren alltäglichen Lebensbezügen, als Partner, als Eltern, als Lehrer, als Freunde, als Nachbarn, in jeder Form des Zusammenlebens. Auch in unseren politischen Zusammenhängen, je nachdem, welche Rolle wir in ihnen einnehmen, sind wir gefragt. An welcher Stelle auch immer wir selbst gerade stehen, da liegen unsere Aufgaben, da liegt der Sinn unseres Glaubens, das weiterzugeben, was wir empfangen, den Wein der Christusfreude weiterzuschenken: die anderen als Ebenbild Gottes sehen, ihnen geben, was sie brauchen, und sie erfreuen.

Christus spricht: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ Amen.

 

Gebet

Hilf mir,
dass ich in aller Ungewissheit und Angst
nicht das Vertrauen verliere.
Lass mich und die anderen besonnen bleiben.
Bewahre die Schwachen.
Sorge für die Kranken.
Sei bei allen, die sterben.
Beschütze alle,
die in Krankenhäusern und Laboren arbeiten,
die Kranke pflegen,
Eingeschlossene versorgen
und sich darum bemühen, dass wir haben,
was wir zum Leben brauchen.

 

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

 

Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

 

(Predigt: Friedgard Möllmann; Gebet: kirchenjahr-evangelisch.de)

 

 

Gottesdienst für den 2. Sonntag nach Ostern (Miserikordias Domini), 26.04.2020

Andacht mit Predigt zum 2. Sonntag nach Ostern

(Miserikordias Domini), 26. April 2020

 

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Psalm des Sonntags (Psalm 23)

 

Der Herr ist mein Hirte,

mir wird nichts mangeln.

            Er weidet mich auf einer grünen Aue

            und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

            Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

            fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,

dein Stecken und Stab trösten mich.

            Du bereitest vor mir einen Tisch

            im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl

und schenkest mir voll ein.

            Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen

            mein Leben lang,

            und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

 

Evangelium des Sonntags (Johannes 10, 11-16)

 

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.

Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt; und ich kenne den Vater.

Und ich lasse mein Leben für die Schafe.

Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

 

Wochenlied: Es kennt der Herr die Seinen (EG 358, 1+3+4+6)

 

1. Es kennt der Herr die Seinen und hat sie stets gekannt,
die Großen und die Kleinen in jedem Volk und Land.
Er lässt sie nicht verderben, er führt sie aus und ein;
im Leben und im Sterben sind sie und bleiben sein.

3. Er kennt sie als die Seinen an ihrer Hoffnung Mut,
die fröhlich auf dem einen, dass er der Herr ist, ruht,
in seiner Wahrheit Glanze sich sonnet, frei und kühn,
die wundersame Pflanze, die immerdar ist grün.

4. Er kennt sie an der Liebe, die seiner Liebe Frucht
und die mit lauterm Triebe ihm zu gefallen sucht;
die andern so begegnet, wie er das Herz bewegt,
die segnet, wie er segnet, und trägt, wie er sie trägt.

6. So hilf uns, Herr, zum Glauben und halt uns fest dabei;
lass nichts die Hoffnung rauben; die Liebe herzlich sei!
Und wird der Tag erscheinen, da dich die Welt wird sehn,
so lass uns als die Deinen zu deiner Rechten stehn!

 

Predigtabschnitt für den heutigen Sonntag: 1. Petrus 2, 21-25

 

21 Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen;

22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand;

23 der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet;

24 der unsere Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.

25 Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

 

 

Predigt

 

Ich bin doch kein Schaf! 

Ich blöke nicht. Ich lasse mich nicht scheren. Ich stehe nicht einfach nur so auf der Wiese rum. Und ich bin vor allem nicht dumm, wie es den Schafen landläufig zugeschrieben wird. Ich fühle mich überhaupt nicht schafsmäßig. 

 

Im Gegenteil: Ich drücke mich (zumindest meisten) einigermaßen vernünftig auf. Ich gehe – wenn die Situation es wieder zulässt – ganz zivilisiert zum Friseur. Ich bewege mich frei – inzwischen ja auch wieder in diverse Läden und Geschäfte. Und ich habe das ein oder andere im Kopf. 

 

Ich fühle mich eigentlich sogar ziemlich menschlich. 

 

Was soll also dieser Vergleich mit den Schafen? Ist das nicht etwas herablassend von Jesus, sich selbst als Hirten zu bezeichnen und uns als Schafe? Und ist es nicht genauso unverschämt vom Autor des 1. Petrusbriefes uns mit „ihr wart wie irrende Schafe“ anzusprechen? Und vom Psalmbeter davon zu reden, dass wir auf einer „grünen Aue“ geweidet werden?

 

Schafe verirren sich. Sie sind wilden Tieren hilflos ausgeliefert. Sie sind immer nur Teil der Herde – nicht individuell. Wir sind doch keine Schafe!

 

Wir haben uns schließlich nicht verirrt – oder? 

 

Ich stehe auf. Leider kann ich heute nicht – wie vor Corona – ins Kirchenbüro fahren. Mir fehlen die kurzen Gespräche zwischen Tür und Angel. Mir fehlt das Teetrinken mit den Kolleg*innen. Mir fehlen der Trubel und die Leute, die einem begegnen. 

 

Also: Homeoffice. Arbeiten zu Hause. Mein Laptop steht auf dem Küchentisch. Nebenbei läuft die Spülmaschine. Das Telefon klingelt. Zwischendurch bemerke ich die Krümel auf dem Boden und fege kurz durch. Ach, den Einkauf könnte ich auch schnell erledigen. Zum Arbeiten komme ich kaum. 

 

Nachmittags dann keine Vorbereitung des Kita-Gottesdienstes. Kein Besuch bei der Familie des Täuflings. Kein Konfi-Unterricht und abends keine Gemeindekirchenrat-Sitzung. 

Habe ich mich vielleicht doch verirrt? In dieser verrückten Welt, in der alles Kopf steht. In der nichts mehr so ist wie sonst. 

 

Woran halten wir uns fest? Was gibt uns Halt? Wer zeigt uns den Weg?

Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen. (1. Petrus 2,25)

 

Jesus Christus sorgt sich um seine Leute. Um seine Schafe. Er ist der Hirte, der sich kümmert, wenn sich ein Schaf verirrt. Jetzt gerade hat sich vielleicht nicht nur ein Mensch verirrt. Viele wissen zurzeit nicht mehr richtig, wie der Alltag gut zu bestehen ist. Denn im Moment gibt es keinen Alltag. Nichts ist normal oder gewöhnlich. Und wir sehen auch noch kein wirkliches Ende dieser Ausnahmesituation „Corona-Krise“. Der Hirte lässt uns umkehren. Er bleibt beständig. Lässt unsere Seelen zur Ruhe kommen. Wir können mit unseren Irrungen und Unklarheiten vor ihn treten und ihm die Welt anbefehlen. Und auf einmal sind wir keine irrenden Schafe mehr. Wir sind gehalten von dem Gott, der uns niemals allein lässt.

 

Aber wir sind keinen wilden Tieren hilflos ausgeliefert – oder? 

 

Vor mir liegen inzwischen drei „Mund-Nasenschütze“, oder auch „Masken“. Ob die etwas bringen? Wer weiß? Im Radio hört man, dass wir dadurch vor allem unsere Mitmenschen schützen. Unsere eigene zuweilen feuchte Aussprache wird reguliert. Aber natürlich fühle auch ich mich zumindest etwas sicherer. 

 

Doch gleichzeitig heißt es, dass diese Masken auch gefährlich sein können. Wir vergessen durch sie das Abstandhalten. Wir wägen uns in Sicherheit. Dabei ist von Sicherheit noch lange nicht die Rede. Bis ein Impfstoff gefunden wird, dauert er wohl noch bis ins nächste Jahr. Die Schulen öffnen nur sehr langsam und mit hohen Sicherheitsmaßnahmen. Der Virus geht seinen eigenen Weg. Und wir können nichts tun.

Vielleicht sind wir doch auch ein wenig ausgeliefert. Hilflos angesichts der Situation. Wir können nicht mehr tun, als uns möglichst an die vorgegebenen Regeln zu halten.

 

Was gibt uns Schutz? Wo können wir uns sicher fühlen? Wer passt auf uns auf?

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir,

dein Stecken und Stab trösten mich. (Psalm 23,4)

 

Gott ist bei uns. Er schenkt uns seine Liebe und seinen Schutz. Bei ihm sind wir sicher. Wir brauchen keine Angst zu haben. Nein, das heißt nicht, dass wir auf den Abstand verzichten, die Masken vergessen oder das Händewaschen sein lassen können. Aber das heißt, dass wir innere Sicherheit finden können. Wir können darauf vertrauen, dass Gott auch durch dieses finstere Tal mit uns geht. Er hat diese Welt selbst durchlebt und weiß um unsere Unsicherheit. Die Passionszeit liegt gerade hinter uns. Das Kreuz. Der Tod. Die Trauer. In seinem Leid spiegelt sich all unser Leiden. Doch er hebt uns aus dem Kummer heraus. Er schließt uns in seine Arme und tröstet uns. Wir sind nicht mehr hilflos ausgeliefert. Das Grab ist leer. Der Hirte führt die Schafe durch die Leidenszeit hindurch und ist ihr Schutzschirm. 

 

Aber wir gehen doch wohl wirklich nicht in der Masse unter – oder?

Immer wieder erwische ich mich dabei, wie meine Gedanken abschweifen. Nach Indien. Kenia. Sierra-Leone. Ich stelle mir vor, was dort noch bevorsteht. Wie schlecht die hygienischen Bedingungen sind. Wie wenig Intensivbetten es gibt. Wie verschwindend gering die Testkapazitäten sind. Kaum vorzustellen für uns als Deutsche. Als Wiefelsteder und Wiefelstederinnen. Es gibt genug Beatmungsgeräte und Pflegepersonal. Aber dort, am anderen Ende der Welt? Dort geht der Einzelne in der Masse unter. Dort werden wir wohl niemals erfahren, wie viele Menschen wirklich an Covid-19 gestorben sind. Und auf einmal habe ich das Gefühl, dass auch ich nur ein kleiner Teil in der Masse bin. In der Masse derer, die gut versorgt sind. Dessen Krankenhäuser hervorragend ausgestattet sind. Dessen Maßnahmen funktionieren.

 

Wo spiele ich eigentlich persönlich noch eine Rolle? Wer sieht mich an? Wo kann ich „ich selbst“ sein?

 

Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt; und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. (Johannes 10,14+15)

 

Der Hirte kennt seine Schafe. Jedes einzelne. Er sieht, wenn es am Rand der Herde steht. Er sieht auch seine fröhlichen und glücklichen Tage. Er schaut es an, wenn es krank und schwach ist. Und er weiß wie es ihm geht. Jesus Christus blickt nicht nur auf uns als Menschen. Er schaut uns ganz persönlich ins Herz. Er erkennt, was uns bewegt. Wir sind ihm wichtig. Das zeugt von Vertrautheit zwischen Herde und Hirte. Der Hirte ist seinen Schafen nahe. Zwar hat er immer auch die ganze Herde im Blick, aber dennoch fällt niemand hinten runter. In seiner Herde ist immer noch Platz. Und noch mehr: Er läuft sogar dem einen Schaf hinterher, das ihn aus den Augen verloren hatte. Und wenn es hart auf hart kommt – lässt er sein Leben für dieses Schaf.

 

Wir sind doch keine Schafe! 

 

Aber wenn wir uns verirren, kann Gottes Kraft uns Halt geben.

Und wenn wir Schutz suchen, ist Gott mit seiner Liebe bei uns.

Selbst wenn wir das Gefühl haben in der Masse unterzugehen, sind wir in Gottes Augen wertvoll.

 

Nur eines werden wir wohl niemals sein: Lammfromm!

 

 

Gebet

 

Gott, du bist ein guter Hirte. 

Du siehst uns, wenn wir uns verirren. 

Wenn wir den Weg aus den Augen verlieren. 

Wenn wir keinen Halt finden. 

Schenk uns deine Fürsorge. Begleite unsere Wege.

 

Gott, du guter Hirte,

du weißt um unsere Suche nach Schutz.

Unsere Sorge vor Krankheit.

Unseren Wunsch nach Sicherheit.

Sei mit deiner Liebe mitten unter uns. Im Leid und im Glück.

 

Gott, du guter Hirte,

du erkennst unsere Verlorenheit in der Masse der Menschen.

Die Sehnsucht nach Beachtung.

Die Hoffnung auf Wertschätzung.

Lass uns deinen liebevollen Blick spüren. Sei uns nahe.

 

Gott, du guter Hirte,

wir bringen all die Menschen vor dich, die uns am Herzen liegen. 

Wir bringen all die Menschen vor dich, die unter dem Virus erkrankt sind und leiden.

Wir bringen all die Menschen vor dich, die in Not sind und keine Zukunft sehen.

Wir bringen all die Menschen vor dich, die dich gerade jetzt besonders brauchen.

 

Suche jede und jeden einzelnen. Bring uns zurück zu dir. Und erbarme dich über uns.

Amen. 

 

(Predigt und Gebet: Vikarin Lina Kohring)

Gottesdienst für den 1. Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti, 19.4. 2020)

Andacht mit Predigt zum 1. Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti, 19.4. 2020)


 

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Der Psalm des Sonntags (Psalm 116)

 

Das ist mir lieb,

dass der Herr meine Stimme und mein Flehen hört.

            Denn er neigte sein Ohr zu mir;

            darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.

Stricke des Todes hatten mich umfangen,

des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen;

ich kam in Jammer und Not.

            Aber ich rief an den Namen des Herrn:

            Ach, Herr, errette mich!

Der Herr ist gnädig und gerecht,

und unser Gott ist barmherzig.

            Der Herr behütet die Unmündigen;

            wenn ich schwach bin, so hilft er mir.

Sei nun wieder zufrieden, meine Seele;

denn der Herr tut dir Gutes.

            Denn du hast meine Seele vom Tode errettet,

            mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten.

Ich werde wandeln vor dem Herrn

im Lande der Lebendigen.

            Ich will den Kelch des Heils erheben

            und des Herrn Namen anrufen.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist,

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

Das Evangelium des Sonntags (Joh 20, 19 – 29)

 

Am Abend aber des ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! 

Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.

Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 

Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! 

Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

Thomas aber, einer der Zwölf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 

Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich's nicht glauben.

Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! 

Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 

Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 

Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

 

Das Lied des Sonntags (EG 108)

 

1. Mit Freuden zart zu dieser Fahrt
lasst uns zugleich fröhlich singen,
beid, Groß und Klein, von Herzen rein
mit hellem Ton frei erklingen.
Das ewig Heil wird uns zuteil, denn Jesus Christ erstanden ist,
welchs er lässt reichlich verkünden.

2. Er ist der Erst, der stark und fest
all unsre Feind hat bezwungen
und durch den Tod als wahrer Gott
zum neuen Leben gedrungen,
auch seiner Schar verheißen klar durch sein rein Wort,
zur Himmelspfort desgleichen Sieg zu erlangen.

3. Singt Lob und Dank mit freiem Klang
unserm Herrn zu allen Zeiten
und tut sein Ehr je mehr und mehr
mit Wort und Tat weit ausbreiten:
So wird es uns aus Lieb und Gunst nach unserm Tod,
frei aller Not zur ewigen Freud geleiten .

(Auferstehungslied, Autor: Georg Vetter (1536-1599 )

 

Predigtabschnitt für den 1. Sonntag nach Ostern: Jesaja 40, 26-31

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«?

Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;

aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

 

Predigt

 

Liebe Gemeinde,

„Ich wünsche Dir viel Kraft!“ Gegenseitig sprechen wir uns mit diesen Worten manchmal Trost zu. Wenn wir schwere Zeiten durchzustehen haben, sei es im privaten Bereich, sei es als ganzes Land beziehungsweise sogar als ganzer Erdkreis wie im Moment, dann brauchen wir viel Kraft und Stärke, um solche Lebensabschnitte durchzustehen.

 

Der Prophet Jesaja lässt in diesem Zusammenhang Bilder vor unserem inneren Auge entstehen, die unsere Gedanken dazu weiterführen können, die uns aufweisen können, woher wir Menschen Kraft für unser Leben bekommen können. Er stellt sich hier zunächst einmal einfach junge Männer und überhaupt Männer vor, wohl auch zu seinen Lebzeiten vor vielen hundert Jahren ein Inbegriff von Kraft und Stärke.

 

Kraft und Stärke, Jünglinge und Männer – welche Bilder haben Sie im Kopf, wenn Sie diese Worte hören oder lesen? Vielleicht sehen Sie junge Männer im Fitnessstudio vor sich, die sich unermüdlich um ihren Traum, um einen - wie man heutzutage gerne sagt – definierten Körper bemühen: Alles sitzt, wo es hingehört, die Muskeln zeichnen sich ästhetisch ab; es geht um viel Muskelmasse und wenig Körperfett.

 

Oder vielleicht denken Sie eher an berühmte Boxweltmeister, zum Beispiel Cassius Clay, der später Muhammed Ali hieß, einer der bedeutendsten Schwergewichtsboxer des 20. Jahrhunderts? Nach einem wichtigen Sieg schrie er ins Mikrofon: „I am the greatest!“ „Ich bin der Größte!“ Die Bilder von ihm mit weit aufgerissenem Mund und großen Augen gingen um die Welt. Später in seinem Leben musste er Niederlagen einstecken, eine schwere Krankheit ließ auch ihn „straucheln und fallen“.

 

Der Prophet Jesaja führt uns mit seinen Worten weiter, nämlich ganz nüchtern von begeisternden Bildern männlicher Kraft und Stärke zurück zur Realität: „Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen.“ Er verweist darauf, dass wir Menschen - im Übrigen nicht nur Männer, sondern auch Frauen – dass wir Menschen mit unserer eigenen Kraft irgendwann ans Ende kommen. Das Straucheln und Fallen gehört dazu, ist unvermeidlich. Rein körperlich liegt es vor allem an Krankheiten, am fortschreitenden Älterwerden; geistig und seelisch liegt es häufig an äußeren Umständen, Schicksalsschlägen, Unsicherheiten, Erfolglosigkeit... Ganz unterschiedliche Gründe können es sein, die uns die Kraft rauben, die uns müde werden lassen. Aber der Traum von Lebenskraft und Stärke bleibt – wo können wir sie bekommen, wenn wir sie offensichtlich nicht selbst auf Dauer besitzen?

 

Jesaja gibt uns einen guten Rat und lädt uns damit ein, ein großartiges Bild vor uns entstehen zu lassen, ein Bild, das uns trösten und aufrichten kann, wenn wir uns müde und kraftlos fühlen: „Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

 

Dieses Bild malt uns etwas vor Augen, was wir wohl alle gerne besitzen möchten: eine Kraft, die nicht zu Ende geht. Es ist da vom Adler die Rede. Es ist damit von einem Tier die Rede, das für uns Inbegriff von Kraft und auch von Freiheit ist. Wirklich in der Natur können wir Adler ja nicht mehr sehen, aber in Filmen haben wohl alle schon einmal welche angesehen. Wenn sie aus ihren Nestern hoch über unserer Welt aufsteigen, dann strahlen sie eine ungeheure Lebenskraft aus. Und wenn sie hoch in der Luft kreisen, kommen sie uns so frei und ungebunden vor, wie wir es uns für uns selber immer nur wünschen, aber nie erreichen können.

 

Es gibt ein bekanntes Lied, das die Gefühle vermittelt, die einen überkommen, wenn man solch einen kraftvollen Adler hoch über die eigenen Welt kreisen sieht: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, alle Ängste, alle Sorgen bleiben darunter verborgen, und alles, was uns wichtig erscheint, wird plötzlich unwichtig und klein.“

 

Irgendwie steht der Adler und steht das Fliegen für etwas, was wir Menschen uns nur erträumen können: für grenzenlose Kraft, für die Freiheit und für das sich Erheben über unsere Sorgen. Der Adler steht auch bei Jesaja dafür, dass man läuft und eben nicht matt wird, dass man wandelt und eben nicht müde wird. Jesaja spricht einen Traum in uns an, der wohl in jedem Menschen steckt, den Traum von nie versiegender Kraft und grenzenloser Freiheit, den Traum, die Möglichkeiten des Adlers zu besitzen.

 

Aber zwischen dem, was wir erträumen, und dem, was wir tatsächlich erleben, wie wir uns selbst tatsächlich erleben, liegt eine Kluft. Diese tiefe Schlucht prägt unser Leben. Und ich denke, es gibt wohl kaum einen Menschen, der nicht versucht, diese Kluft zu überspringen. Welcher Mensch versucht nicht, das, was er sich erträumt, zu verwirklichen? Ja, wenn man die Welt daraufhin betrachtet, kann man schon auf den Gedanken kommen, dass das Leben der Menschen nach diesem einen Ziel strebt: diese Kluft zu überwinden, eine Brücke zu bauen, die die Ziele unserer Träume in unsere Wirklichkeit hinüberführt.

 

Und in der Tat setzen wir doch viel von unserer Zeit und unserer Energie dafür ein, unsere Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Wir versuchen das mit Geld, mit Beziehungen, mit politischer Macht, mit Drogen oder mit Alkohol. Wir wenden viel auf, um unser normales Leben so schön wie unsere Träume werden zu lassen. Aber wie sieht es mit dem Erfolg aus? Zum einen holt uns der graue Alltag immer wieder ein, wir fallen immer wieder zurück in alltägliche Zwänge, die wir so gerne überwinden möchten. Und zum anderen gibt es keinen, der von sich sagen könnte: Die Wirklichkeit meines Lebens ist so, wie ich sie mir schöner nicht mehr erträumen kann. Wie hören nie auf, von etwas Besserem zu träumen, selbst wenn wir das scheinbar Beste schon erreicht haben.

 

Die Kluft zwischen unseren Lebensträumen und unserer Wirklichkeit können wir, wenn wir ehrlich sind, nicht überbrücken. Es steht nicht in unserer Macht. Wir bleiben die Müden und Matten, die Strauchelnden und Fallenden, aber wir bleiben auch die Träumenden.

Der Prophet Jesaja bietet uns mit seinem Wort des Rates und der Einladung einen Weg an, die Kluft zu überbrücken. Er lädt uns ein, die traumhafte Verwirklichung unseres Lebens nicht von uns selbst zu erwarten, sondern von dem zu erwarten, der uns dieses Leben allererst gegeben hat. Er lädt uns ein, von Gott die Erfüllung unseres Traumes, unseres Lebens zu erwarten. Denn nur Gott selbst hat die Macht, unserem Leben Erfüllung zu schenken, er allein vermag das, woran wir immer wieder scheitern. Er kann und er wird den Abgrund zwischen Traum und Wirklichkeit überwinden.

 

Am vergangenen Sonntag haben wir Ostern gefeiert. Das ist das Fest, das uns eindrücklich zeigt, dass und wie Gott unser Leben zur Erfüllung, zur traumhaften Vollendung führen kann und will. Der zunächst gekreuzigte, aber dann auferstandene Christus kann uns Beispiel und Vorbild sein, wie einer, der von Gott alles erwartet, dann von ihm beschenkt wird, und zwar beschenkt wird mit einer Fülle von Leben. Es ist dies eine Fülle von Leben, die am Ende all unsere Träume in den Schatten stellt.

 

Von Gott alles erwarten, oder – wie Jesaja es sagt – auf den Herrn harren, auf sein endgültiges Eingreifen warten, das ist der Weg zu dem Leben, das alle Träume hinter sich lässt. Wer von Gott alles erwartet, wer sich ihm im Gebet anvertraut, wer so Jesus nachfolgt, der hat schon jetzt eine besondere Kraft. Der kann auch sein eigenes Leben im Alltag, mit allen Sorgen und Ängsten, mit anderen Augen sehen. Wer das tut, der kann auch schon jetzt traumhafte Spuren Gottes in dieser Welt entdecken und sich daran freuen. Wenn wir einander trösten und ermutigen und neue Hoffnung schenken, dann ist Gottes Kraft spürbar.   

„Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Amen.

 

Gebet

Wir danken dir, Gott,

dass du in der Auferstehung Jesu Christi

dem Tod die Macht genommen hast

und für das Leben einstehst.

 

Wir bitten dich für alle,

die im Schatten des Todes leben:

für Alte, Einsame und Verzweifelte,

für Kranke und Sterbende.

Sende ihnen das Licht deiner Hoffnung,

damit sie Trost finden und gestärkt werden.

 

Wir bitten dich für alle, die dem Leben dienen:

für Ärztinnen und Ärzte, Schwestern und Pfleger,

für alle Menschen in sozialen Berufen,

dass sie begleiten und ermutigen,

pflegen und heilen.

Lass ihr Verständnis Mut machen

und ihre Hilfe Hoffnung schenken.

 

Wir bitten dich für alle, denen es schwer fällt zu glauben,

die an deiner Liebe zweifeln,

die gegenüber deiner Botschaft gleichgültig sind.

Lass sie spüren, dass wir alle dich brauchen

für ein gutes, sinnvolles Leben.

 

Wir bitten dich für alle Getauften:

Lass sie im Glauben wachsen und auf dem Weg zu dir bleiben.

 

Gott, schenke von deiner Kraft -

so viel, so reichlich,

dass wir alle immer wieder aufstehen und tragen,

was uns das Leben aufgibt.

Amen.

 

(Predigt: Friedgard Möllmann; Gebet für diesen Sonntag: Kirchenagende der Pfalz)

 

Segen

Der Herr segne und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich

und gebe dir Frieden. Amen.

 

 

 

Gottesdienst für den Ostersonntag, 12.04.2020

Andacht zum Ostersonntag (12. April 2020)

 

Der Psalm des Sonntags (Psalm 118, 14-24):

Der Herr ist meine Macht und mein Psalm und ist mein Heil.

Man singt mit Freuden vom Sieg
in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte des Herrn behält den Sieg!

Die Rechte des Herrn ist erhöht:
die Rechte des Herrn behält den Sieg!

Ich werde nicht sterben, sondern leben

und des Herrn verkündigen.
Der Herr züchtigt mich schwer;
aber er gibt mich dem Tode nicht preis.

Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit,

dass ich durch sie einziehe und dem Herrn danke. Das ist das Tor des Herrn;
die Gerechten werden dort einziehen.

Ich danke dir, dass du mich erhört hast

und hast mir geholfen.
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.

Das ist vom Herrn geschehen

und ist ein Wunder vor unseren Augen. Dies ist der Tag, den der Herr macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.

 

Das Evangelium des Sonntags (Markus 16, 1-8):
Als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und den Leichnam Jesu zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

 

Das Lied des Ostermontags (EG 100):

1 Wir wollen alle fröhlich sein / in dieser österlichen Zeit; / denn unser Heil hat

Gott bereit ́. / Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, / gelobt sei Christus,

Marien Sohn.

2 Es ist erstanden Jesus Christ, / der an dem Kreuz gestorben ist, / dem sei Lob,

Ehr zu aller Frist. / Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, / gelobt sei

Christus, Marien Sohn.

3Er hat zerstört der Höllen Pfort, / die Seinen all herausgeführt / und uns erlöst

vom ewgen Tod. / Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, / gelobt sei Christus,

Marien Sohn.

4 Es singt der ganze Erdenkreis / dem Gottessohne Lob und Preis, / der uns

erkauft das Paradeis. / Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, / gelobt sei

Christus, Marien Sohn.

5 Des freu sich alle Christenheit / und lobe die Dreifaltigkeit / von nun an bis in

Ewigkeit. / Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, / gelobt sei Christus,

Marien Sohn.

(Text: Str. 1: Medingen um 1380; Str. 2-5 bei Cyriakus Spangenberg 1568 nach „Resurrexit Dominus“ 14. Jh.)

 

1. Korinther 15, 19-28 (Predigtabschnitt für den Ostersonntag; Luther-Bibel):

19  Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus,

so sind wir die elendesten unter allen Menschen.

20  Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten

als Erstling unter denen, die entschlafen sind.

21  Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist,

so kommt auch durch einen Menschen die Auferweckung der Toten.

22  Denn wie in Adam alle sterben,
so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.

23  Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus;

danach die Christus angehören, wenn er kommen wird;

24  danach das Ende,

wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.

25  Denn er muss herrschen,
bis Gott „alle Feinde unter seine Füße gelegt hat“ (Psalm 110,1).

26  Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod.

27  Denn „alles hat er unter seine Füße getan“ (Psalm 8,7).

Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen,

so ist offenbar, dass der ausgenommen ist,

der ihm alles unterworfen hat.
28 Wenn aber alles ihm untertan sein wird,

dann wird auch der Sohn selbst untertan sein

dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem.

 

Liebe Gemeinde,


warum tun sich vernünftige Menschen das eigentlich an? Warum verwenden Menschen so viele Gedanken und setzen ihre Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, auf die Auferstehung? Müsste man nicht alles tun, um hier auf der Erde, hier und jetzt, den Menschen den Himmel zu bereiten, Unfrieden und Ungerechtigkeit zu bekämpfen, Impfstoffe gegen Erreger von Pandemien zu finden, Menschen Brot und Arbeit zu vermitteln?


Wer darauf vertraut, dass es eine Auferstehung geben wird, ein Leben nach dem Tod, wird oft als Himmelskomiker verschrien, als Träumer, als Phantast. Die Probleme existieren aber hier auf der Erde. Gesundheit, Wohlbefinden, Arbeit, Nahrung – das sind doch die wichtigen Dinge, die wir jetzt angehen müssen. Wer auf ein Leben nach dem Tod vertröstet, drückt sich vor den Aufgaben und lässt den Hungernden achtlos am Straßenrand liegen. – Ist das wirklich so?


Die Geschichte der Christenheit ist voll von Menschen, die auf die Auferstehung gehofft haben – sich aber gleichzeitig den Mitmenschen in ihrer Not zugewandt haben. Die ersten Christen glaubten in vollster Überzeugung an die Auferstehung – und wandten sich gleichzeitig als erste Gruppe ihrer Zeit den Waisen und Witwen zu. Klöster waren immer Orte der Meditation und des Gebetes, aber auch der Zuwendung zu den Menschen. Und im 19. Jahrhundert begann in den Betheler Anstalten in Bielefeld die Hilfe für Epilepsiekranke und Obdachlose durch Pastor von Bodelschwingh – die Kirche der Anstalten heißt noch heute Zionskirche, weil sich dort Hilfe im Diesseits und Hoffnung auf die Auferstehung, auf den neuen Zion, verbanden und verbinden.


Es ist ausgerechnet einer der politischsten Theologen, die die evangelische Kirche je hatte, der früherer Bremer Pastor und spätere Tübinger Theologieprofessor Jürgen Moltmann, der zwar Ansätze des marxistischen Philosophen Ernst Bloch aufnahm („Das Prinzip Hoffnung“), aber andererseits in einem Interview frei heraus bekannte, dass er an die persönliche Auferstehung glaube: „Jesus ist von den Toten auferstanden und macht die, die sterben müssen, lebendig in der Hoffnung. [...] Die Auferstehung Jesu ist der Anfang der Neuschöpfung der ganzen Welt. Bei dem Tod meiner Frau vor zwei Jahren habe ich das Ende erlebt und gewusst, das ist der Neuanfang.“ (1 Jürgen Moltmann in der Evangelischen Wochenzeitung für Bayern, zit. nach: Gerhard Müller: Gottes Vielfalt. Gottesvorstellungen und Gottesverstellungen, in: Lutherische Kirche in der Welt 67 (2020), S. 174.)


Moltmann bewegt sich damit ganz auf der Linie des Apostels Paulus. Paulus benennt im 1. Brief an die Korinther ganz klar, wer der Feind ist: der Tod! Vor ihm haben wir alle Angst! Und es ist bezeichnend, wie wir vor einigen Monaten in Tageszeitungen noch diskutiert wurde, ob es der Wissenschaft gelingen könnte, die Menschen weit über 100 Jahre alt werden zu lassen. Von einem möglichen Stillstand des Alterungsprozesses war die Rede. Aber jetzt bricht die Angst vor dem Tod auf brutale Weise in unsere Mitte ein, stehen in New York Kühllaster in Straßen, um Särge aufzunehmen, holt in Italien das Militär Verstorbene aus den Krankenhäusern, schauen wir selbst in Deutschland voller Angst auf die Zahlen an Infizierten und Verstorbenen – und stehen bei Beerdigungen auf dem Friedhof mit nur maximal erlaubten zehn Teilnehmern! Nein, der Tod ist Realität! Und er reißt geliebte Menschen aus unserer Mitte! Und auf einmal denken viele von uns: Wie werde ich sterben? Lebenssatt und im Kreis meiner Familie – oder einsam, ohne Besuch?

 

Der Tod ist der Feind! Wir sollen ihn nicht herbeiführen, wir haben für das Leben zu kämpfen! Aber das Leben ist endlich! Paulus macht uns Hoffnung, dass wir eben nicht nur in diesem Leben auf Christus hoffen dürfen (das dürfen wir! Das lehnt Paulus nicht ab!)! Das Leben in Christus hört mit dem Tod nicht auf. Gott ist größer als der Tod. Wie Christus in den Tod vorausgegangen ist, wird er uns auch in das Leben ziehen!

 

Wir lieben das Leben, aber wir erkennen auch, dass es endlich ist. Bleibt uns noch genügend Zeit, all die Dinge zu tun, die wir uns vorgenommen haben? Bleibt uns noch genügend Zeit, Liebe zu erfahren und Liebe weiterzugeben? Eine Möglichkeit wäre, alles noch schnell zu erledigen, jetzt noch alles zu erleben. Aber das kann wieder einen schwer zu ertragenden Druck verursachen: Ich muss jetzt alles erleben, alles erledigen, jetzt muss alles noch schön werden. Aber wird etwas schön, wenn wir es herbeizwingen wollen? Schön ist es, wenn wir das genießen können, was uns jetzt geschenkt ist, und im Schweren, das uns zu schwer wird, auch einmal loslassen können, es Gott überlassen können. Jetzt kann ich hoffen und lieben, aber ich muss nicht alles festhalten. Nach dem Tod ist nicht alles aus, nicht alles verloren, nicht alles verpasst, was ich noch hätte erfahren oder erleben können: Gott hat immer noch eine Möglichkeit für mich: die Auferstehung!

 

Man merkt Paulus an, dass er die Auferstehung erklären will. Erst ist Christus auferstanden, dann gibt es eine gewisse Ordnung, alles wird Christus untertan sein und der wiederum Gott (V. 27.28). Ist damit wirklich gemeint, dass es bei der Auferstehung eine Ordnung geben wird, die wir jetzt schon einsehen können? Die Auferstehung wird unbeschreibbar sein! Wie soll etwas beschrieben werden, für das es keinen Vergleich im hiesigen Leben gibt? Es wird alles gut sein. Wir werden – und darauf kommt es auch Paulus an – in Gott sein! Nicht als anonyme Wesen, sondern wir selbst! Und damit auch alle, die wir bereits in diesem Leben verloren haben.

 

Ist das eine Vertröstung auf ein anderes Leben? Nein! Denn zu den merkwürdigsten Erscheinungen des menschlichen Lebens gehört, dass Menschen, die jetzt und hier alles erreichen wollen, alles verlieren. Man kann jetzt nicht alles haben! Man kann jetzt aber die Liebe seiner Nächsten erfahren, Liebe üben, den Tag genießen, mit eigenen Sorgen und schlimmen Erfahrungen kämpfen, jeden Tag das Tagwerk und die je eigenen Sorgen des Tages angehen, das tun, was vor Augen steht. Dazu gehört natürlich, auf die eigene und die Gesundheit anderer Menschen zu achten und das eigene und das Leben anderer Menschen lebenswert zu erhalten.

 

Aber den letzten Feind des Menschen, den Tod, können wir nicht besiegen. Aber Gott wird ihn besiegen, er hat ihn am Kreuz besiegt. Aus diesem Glauben können wir hier Trost und Kraft schöpfen und in der Auferstehung Gottes Gegenwart erfahren.

 

Amen.

 

Gebet
Lebendiger Gott,
du hast durch die Auferstehung deines Sohnes
dem Tode die Macht genommen
und lässt heute aller Welt das Heil verkünden:
Nimm Kleinglauben und Zweifel von uns
und lass uns einstimmen in das Osterlob all derer,
die bezeugen, dass Christus von den Toten auferstanden ist
und für uns lebt in Ewigkeit.
* Lass dein österliches Licht leuchten
allen, die an ihren eigenen begrenzten Möglichkeiten
oder an den Verhältnissen in der Welt verzweifeln,
allen, die um ihre Gesundheit oder ihren Arbeitsplatz bangen,
allen, die krank sind oder im Sterben liegen,
allen, die Verantwortung tragen für Gesundheit, Wohlbefinden und Ordnung, lass dein österliches Licht uns leuchten,
die wir auf dich hoffen und dir vertrauen.
Durch Jesus Christus, unseren Herrn und Retter.
Amen

 

(Predigt und Gebet (ab*, davor: Ev. Gottesdienstbuch): Tim Unger)

 

Segen
Der Herr behüte uns vor allem Übel,
er behüte unsere Seele.
Der Herr behüte unseren Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.

 

Hörenswertes zum Karsamstag

Wir sind Gunda Wedelich aus Hahn-Lehmden und Kerstin Grusemann-Wahl aus Augustfehn. Wir sind ausgebildete Bibelerzählerinnen und haben unsere Ausbildung am Michaeliskloster in Hildesheim absolviert. 


Mit dem Erzählen von biblischen Geschichten folgen wir einer alten Tradition. Schon Jesus hat seinen Jüngern Geschichten erzählt. Erzählen ist wie Kino im Kopf, Erzählen ist lebendig und lebensnah, Erzählen berührt die Menschen. Die Bibel ist voll von Geschichten, wie sie auch in unserem Leben vorkommen. Wir nehmen Sie mit in die Wüste, kämpfen mit David und Goliath, sind mit Ihnen im Stall von Bethlehem und stehen mit Ihren vor den drei Kreuzen auf Golgatha. Heute haben wir Ihnen Passionsgeschichten mitgebracht.


Andacht mit Predigt zum Karfreitag, 10. April 2020

 

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Denkspruch zum Karfreitag:

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

 

Psalm 22, Verse 2-20

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

Mein Gott, des Tages rufe ich,

doch antwortest du nicht,

und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

Aber du bist heilig,

der du thronst über den Lobgesängen Israels.

Unsere Väter hofften auf dich;

und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

Zu dir schrien sie und wurden errettet,

sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch,

ein Spott der Leute und verachtet vom Volk.

Alle, die mich ansehen, verspotten mich,

sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:

„Er klage es dem HERRN,

der helfe ihm heraus und rette ihn,

hat er Gefallen an ihm.“

Sei nicht ferne von mir,

denn Angst ist nahe;

denn es ist hier kein Helfer.

Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe,

und meine Zunge klebt mir am Gaumen,

und du legst mich in des Todes Staub.

Sie teilen meine Kleider unter sich

und werfen das Los um mein Gewand.

Aber du; HERR, sei nicht ferne;

meine Stärke, eile mir zu helfen!

 

Evangelium des Karfreitags: Johannes 19, Verse 16-30

Pilatus überantwortete ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der MiVe.

Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.

Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen,

sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.“ Das taten die Soldaten.

Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb haVe, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Danach, als Jesu wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.

 

Lied des Karfreitags: Evangelisches Gesangbuch, Nummer 85, Strophen 1+2.6.9+10

1 O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron, o Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier, jetzt aber hoch schimpfieret: gegrüßet seist du mir!

2 Du edles Angesichte, davor sonst schrickt und scheut das große Weltgewichte: wie bist du so bespeit, wie bist du so erbleichet! Wer hat dein Augenlicht, dem sonst kein Licht nicht gleichet, so schändlich zugericht?

6 Ich will hier bei dir stehen, verachte mich doch nicht; von dir will ich nicht gehen, wenn dir dein Herze bricht; wenn dein Haupt wird erblassen im letzten Todesstoß, alsdann will ich dich fassen in meinen Arm und Schoß.

9 Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür; wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.

10 Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod, und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot. Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl.

 

Predigtwort für Karfreitag 2020: 2. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth, Kapitel 5, Verse 14-18:

14 Wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. 15 Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde. 16 Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. 17 Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 18 Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.

 

Liebe Gemeinde, allein zu Hause oder in der Familie!

Stellen wir uns vor: Wir sind heute, an Karfreitag, zur St. Johannes-Kirche gekommen, um Gottesdienst zu feiern. Es wäre stiller als an anderen Sonntagen oder Feiertagen. Die Glocken läuteten nicht. Die Gläubigen wären weniger fröhlich als sonst. Die Bewegungen, die Begrüßungen wären verhalten. Still suchten wir uns einen Platz in der Kirche.

Was würden wir sehen? Einen Altar ohne Schmuck: Ohne Blumen. Ohne Kerzen. Ohne Tücher.

Unser Blick richtete sich auf das Altarbild. Unverstellt und ohne Ablenkung vom Wesentlichen. Die Kreuzigung Jesu in der MiVe des Bildes zöge unsere Augen auf sich. Wir wären angekommen. Am Kreuz.

Es ist Karfreitag, Gedenktag der Kreuzigung Jesu. Untrennbar verbunden mit uns. Mit unserer Hinfälligkeit, mit den Gefahren, die uns umgeben und in denen wir leben. Mit unseren Schwierigkeiten, menschliches Miteinander so zu leben, dass es Leib und Seele guVut. Nicht nur in Wochen wie diesen, sondern immer. Untrennbar verbunden aber auch mit Ostern, dem Fest der Befreiung. Ostern ohne Karfreitag ist sinnlos.

Zu dem, was wir in unserer Kirche an Karfreitag sähen, hörten wir nun die Worte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Und dann: „Das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus.“

Das mag nun treffen, was viele Menschen in dieser Zeit besonders beschäDigt und bewegt: Das traurige Gefühl: Ich bin von Gott verlassen. Und zugleich der feste Glaube: Gott hat sich untrennbar mit mir verbunden. Ich kann zuversichtlich in die Zukunft blicken, denn meine Zukunft kommt von Gott. Ich kann muUg annehmen und angehen, was mir auf dem Weg dorthin begegnet: das Fröhliche und Beglückende ebenso wie das Schwere und Leidvolle.

An Karfreitag ist verständlicherweise der Blick auf das Schwere und Leidvolle gerichtet. Ein Mensch, der am Kreuz zu Tode gefoltert wird, der verspottet wird, um dessen Habseligkeiten geschachert wird, dem man Essig statt Wasser zu trinken gibt: Das ist kein einladender Anblick. Deshalb wenden sich viele ab, während wenige andere bis zum bitteren Ende aushalten. Nicht anders in Lagern wie jetzt in Griechenland, in Altenheimen oder in Kliniken, wo Menschen Qualen leiden und sterben; Kinder schon, aber auch Ärztinnen und Pfleger, die bis zum bitteren Ende bei den Menschen bleiben.

Was am Kreuz durch die furchtbare Unerbittlichkeit des Geschehens erschreckt, findet sich überall, wo Menschen leben und leiden, sich aufgeben oder aufgegeben werden und sterben; in diesen Wochen kommt es uns nur besonders nahe und bedrängt uns mehr als sonst.

Wir sehen und hören an Karfreitag, wie Gott sich in all das hineingibt. Gott leidet. Und zwar an dem, woran Menschen leiden: an Lieblosigkeit, Unbarmherzigkeit, Hass, Gewalt und woran Menschen sonst schuldig werden. Aber auch an Elend, Verlassenheit, Einsamkeit, Krankheit und Tod. Wir mögen schauen, an welcher Stelle wir selber leiden oder an anderen schuldig werden.

Das Kreuz Jesu ist nur verständlich aus dem Leiden Gottes an uns Menschen. Nichts, kein Ort, kein Herz, kein Gedanke, kein menschlicher Abgrund ist Gott fremd. Am Kreuz können wir das sehen. Es ist Gottes Antwort an seine Menschen, die sich von ihm abgewandt und sich entfremdet haben. Die ihren eigenen Zielen hinterherlaufen, ihren eigenen Vorteil suchen, notfalls mit Betrug oder Gewalt.

 

Mit ihnen allen hat Gott sich am Kreuz versöhnt. „Schaut her, schaut auf das Kreuz, schaut auf den leidenden Christus und erkennt: Ich bin kein Gott, der wild dreinschlägt, der Hass mit Hass und Gewalt mit Gewalt beantwortet. Ich bin Mensch geworden. Ich wende mich euch zu, ich versöhne mich mit euch; lasst euch doch versöhnen mit mir!“

Wer nun Gottes Versöhnung annimmt, kann nicht leben, als ob es Gott nicht gäbe. Was vorher war, ist ja jetzt vorüber. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur.“ Wir können auch sagen: Er ist neu geschaffen, ein neuer Mensch. „Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles ist von Gott.“

Wenn wir aber neue Menschen sind, werden wir nicht mehr uns selbst leben. Wir werden uns selbst nicht ständig in den Mittelpunkt stellen, uns nicht dauernd mit unserer Meinung und unseren Vorstellungen durchsetzen, nicht unseren Vorteil suchen, nicht auf Kosten anderer leben.

Sondern wir werden aus dem Glauben an Christus leben. Wir werden Chrisi Hingabe an uns in Liebe zu Gott und zu unseren Mitmenschen umsetzen. Und notfalls dafür Leiden in Kauf nehmen.

Gerade jetzt in diesen Wochen haben wir genügend Gelegenheit dazu. Und wir können darüber nachdenken, was nach dieser Zeit nicht mehr so sein sollte, wie davor. Das wird uns und allen Menschen helfen. Wir können lernen, so zu leben, dass es allen Menschen an Leib und Seele guttut. Wir können lassen, was um ChrisU Willen nicht sein darf. Wir können tun, was um ChrisU Willen im wahrsten Sinne des Wortes notwendig ist, also Not wendet.

Der Karfreitag ist Gottes Anstoß, dem Leiden dieser Welt und der Menschen mit Liebe und Hingabe und Versöhnung entgegenzutreten. Das können wir heute mitnehmen in die Tage und Wochen, die vor uns liegen. AMEN

Gebet:

Gott, lieber himmlischer Vater, zu uns in unsere Welt gekommen in dem Menschen Jesus Christus: Du bist barmherzig und voller Liebe. Am Kreuz ChrisU können wir das erkennen.

Wir bitten dich: Vergib uns, denn wir haben deine Liebe nicht mit Liebe beantwortet. Wir handeln unbarmherziger als du an unseren Mitmenschen, während doch jeder Mensch Name und Würde hat und dein geliebtes Kind ist.

Schau uns an, die wir zu dir beten: Für alle Menschen in Not und Verzweiflung: auf der Flucht, in Lagern, in Heimen, in Krankenhäusern. Für alle Menschen, die helfen, die aushalten, besonders, wenn sie an ihre eigenen Grenzen kommen. Für Sterbende und für Trauernde. Für verfolgte Christinnen und Christen und die Freiheit der Religionen. Für Fröhliche, für Sorglose und Erfolgreiche, dass sie sich nicht über andere erheben. Für Frieden und Gerechtigkeit bei uns und überall, und dass viele Menschen muUg dafür einstehen.

Lenke unseren Blick auf dein Kreuz und hilf uns auszuhalten in dieser Zeit und uns einander zuzuwenden. Darum bitten wir dich im Namen unseres Herrn Jesus Christus, der mit dir im Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

(Predigt und Gebet: Andreas Kahnt)

 

Andacht mit Predigt zu Palmsonntag, 5. April 2020

Andacht mit Predigt zu Palmsonntag, 5. April 2020

von Vikarin Lina Kohring / Wiefelstede

 

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Christushymnus (Philipper 2,6-11)

 

Jesus Christus, von göttlicher Gestalt war er.

Aber er hielt nicht daran fest, Gott gleich zu sein –

so wie ein Dieb an seiner Beute.

Sondern er legte die göttliche Gestalt ab

und nahm die eines Knechtes an.

Er wurde in allem den Menschen gleich.

In jeder Hinsicht war er wie ein Mensch.

Er erniedrigte sich selbst

und war gehorsam bis in den Tod –

ja, bis in den Tod am Kreuz.

Deshalb hat Gott ihn hoch erhöht:

Er hat ihm den Namen verliehen,

der allen Namen überlegen ist.

Denn vor dem Namen von Jesus

soll sich jedes Knie beugen –

im Himmel, auf der Erde und unter der Erde.

Und jede Zunge soll bekennen:

»Jesus Christus ist der Herr!«

Das geschieht, um die Herrlichkeit Gottes, des Vaters,

noch größer zu machen.

 

 

Evangelium des Sonntags (Johannes 12,12-19)

 

Am nächsten Tag hörte die große Menge, die sich zum Fest in der Stadt aufhielt: Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Da nahmen sie Palmenzweige und liefen ihm entgegen. Sie riefen:

„Hosanna! Stimmt ein in unser Loblied auf den, der im Namen des Herrn kommt! Er ist der König Israels!“ Jesus fand einen jungen Esel und setzte sich darauf – genau so, wie es in der Heiligen Schrift steht (Sacharja 9,9): „Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Sieh doch: Dein König kommt! Er sitzt auf dem Jungen einer Eselin.“ Die Jünger von Jesus verstanden das zunächst nicht. Aber als Jesus in Gottes Herrlichkeit aufgenommen war, erinnerten sie sich daran. Da wurde ihnen bewusst, dass dieses Schriftwort sich auf ihn bezog. Denn genau so hatten ihn die Leute empfangen. Die vielen Leute, die dabei gewesen waren, bezeugten:

„Er hat den Lazarus aus dem Grab gerufen und ihn vom Tod auferweckt!“ Deshalb kam ihm ja auch die Volksmenge entgegen. Sie alle hatten gehört, dass er dieses Zeichen vollbracht hatte. Aber die Pharisäer sagten zueinander: „Da merkt ihr, dass ihr nichts machen könnt. Seht doch! Alle Welt läuft ihm nach!“

 

 

Wochenlied: Dein König kommt in niedern Hüllen (EG 14, 1+5-6)

 

1. Dein König kommt in niedern Hüllen,
ihn trägt der lastbarn Es'lin Füllen,
empfang ihn froh, Jerusalem!
Trag ihm entgegen Friedenspalmen,
bestreu den Pfad mit grünen Halmen;
so ist's dem Herren angenehm.

5. O Herr von großer Huld und Treue,
o komme du auch jetzt aufs neue
zu uns, die wir sind schwer verstört.
Not ist es, dass du selbst hienieden
kommst, zu erneuen deinen Frieden,
dagegen sich die Welt empört.

6. O lass dein Licht auf Erden siegen,
die Macht der Finsternis erliegen
und lösch der Zwietracht Glimmen aus,
dass wir, die Völker und die Thronen,
vereint als Brüder wieder wohnen
in deines großen Vaters Haus.

 

 

Predigtabschnitt für den heutigen Sonntag: Markus 14, 3-9 (Basisbibel)

 

3 Jesus war in Betanien. Er war zu Gast bei Simon, dem Aussätzigen. Als er sich zum Essen niedergelassen hatte, kam eine Frau herein. Sie hatte ein Fläschchen mit Salböl dabei. Es war reines kostbares Nardenöl. Sie brach das Fläschchen auf und träufelte Jesus das Salböl auf den Kopf.

4 Einige ärgerten sich darüber und sagten zueinander: „Wozu verschwendet sie das Salböl?

5 Das Salböl war mehr als dreihundert Silberstücke wert. Man hätte es verkaufen können und das Geld den Armen geben.“ Sie überschütteten die Frau mit Vorwürfen.

6 Aber Jesus sagte: „Lasst sie doch! Warum macht ihr der Frau das Leben schwer? Sie hat etwas Gutes an mir getan.

7 Es wird immer Arme bei euch geben, und ihr könnt ihnen helfen, sooft ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht für immer bei euch.

8 Die Frau hat getan, was sie konnte: Sie hat meinen Körper im Voraus für mein Begräbnis gesalbt.

9 Amen, das sage ich euch: Überall in der Welt, wo die Gute Nachricht weitergesagt wird,

wird auch erzählt werden, was sie getan hat. So wird man sich immer an sie erinnern.“

 

 

Predigt

 

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können. 

 

So beginnt der Poetry-Text (eine Art Gedicht) von Julia Engelmann. Ich frage mich in den letzten Tagen oft, wie das wohl bei uns aussieht mit den Geschichten, die wir mal erzählen. Nach Corona. Um ehrlich zu sein, ich werde nicht sehr viel zu erzählen haben: Den Abstellraum endlich entrümpelt, das Auto ausgesaugt, alte Kleidung aussortiert, … – das habe ich alles nicht gemacht. Natürlich habe ich in der ersten Woche „Corona-Kontaktverbot“ gesagt: „So Lina, jetzt ziehst du das hier mal richtig durch. Jetzt machst du all das, was sonst immer liegen bleibt.“ Und es steht auch immer noch alles auf meiner gedanklichen To-Do-Liste. Aber ob ich es machen werde? Ob ich später mal die Geschichte von dem einen Pulli erzählen kann, den ich in der Corona-Zeit aussortiert habe und der noch heute das Lieblingsstück einer Freundin ist?

 

Und ich denke zu viel nach. Ich warte zu viel ab. Ich nehme mir zu viel vor – und ich mach davon zu wenig. Ich halte mich zu oft zurück – ich zweifel alles an, ich wäre gerne klug, allein das ist ziemlich dämlich.

 

Ständig hat sie drüber nachgedacht. Jahrelang auf den richtigen Moment gewartet. Sich immer wieder vorgenommen: „Heute mache ich es, heute nutze ich endlich dieses teure Öl. Heute ist DER Tag!“ Und es dann doch wieder nicht gemacht – vielleicht bietet sich ja eine noch bessere Gelegenheit. Es soll ja nicht vergeudet werden. Sie hat sich zurückgehalten, an sich selbst gezweifelt: „Hätte ich es wirklich kaufen sollen? Von all meinem Ersparten? Ohne zu wissen, wofür ich es genau brauche?“ Wann würde wohl der eine Moment sein, in dem sie den ersten Tropfen des Salböls verschwendet?

 

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

 

Meine Geschichten werden wohl recht unspektakulär sein:

Ich habe beim ersten Bissen ins Frühstücksbrötchen in die Sonne geblinzelt und mein Herz hat gelacht vor lauter Freude über das gute Wetter, das die Laune immer ein bisschen besser macht. 

Ich habe mit meinem Mann gebannt am Wohnzimmertisch gesessen und „Phase 10“ gespielt, bis in die Nacht hinein, sodass ich die Spielkarten sogar in meinen Träumen ausgelegt habe. 

Ich habe stundenlang mit meiner Mutter telefoniert und eigentlich nichts Weltbewegendes besprochen – einfach miteinander Zeit verbracht, gequatscht, zugehört, manchmal auch geschwiegen. 

Und ich habe sehnlichst drauf gewartet, dass jemand (im besten Fall ein Vogel…) in unser Vogelhaus im Garten einzieht – leider bislang erfolglos. 

Aber klar, man hätte vieles andere tun können…

 

Also lass uns doch Geschichten schreiben, die wir später gern erzählen. Lass uns Feste wie Konfetti schmeißen, sehen, wie sie zu Boden reisen und die gefallenen Feste feiern, bis die Wolken wieder lila sind. Wir haben schon viel zu lang gewartet, lass mal Dopamin vergeuden.

 

Heute ist der Tag! Heute verschwendet sie ihr kostbares Salböl. Heute. Für Jesus. Einfach machen. Einfach durchgehen. Egal was drum herum passiert. Die Männer, die dort zusammensitzen, einfach vergessen. Tunnelblick. Sie nimmt das Fläschchen, bricht es auf und träufelt es Jesus auf den Kopf. Ein Jahreslohn tröpfelt über seine Ohren, auf die Schultern und die Arme herunter. Perfekt. „Hosanna! Stimmt ein in unser Loblied auf den, der im Namen des Herrn kommt! Er ist der König Israels!“ – so klingt es noch in ihren Ohren. Eine bessere Verwendung hätte es für ihr Öl nicht geben können. Jesus Christus zieht ein in Jerusalem. Zieht ein in das Haus eines Aussätzigen. Zieht ein in ihr Leben. 

Und sie hört die Worte Jesu zu sich durchdringen: „Überall in der Welt, wo die Gute Nachricht weitergesagt wird, wird auch erzählt werden, was sie getan hat. So wird man sich immer an sie erinnern.“

 

Also los, schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen. Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die für immer unsere sind.

 

Lassen Sie uns Geschichte schreiben. Abseits von den schrecklichen Geschichten, die unseren Alltag in diesen Zeiten begleiten. Abseits von Unsicherheit. Sorgen. Angst.

Geschichten, die wir später gern erzählen. 

Von geschenkten Tagen – in denen gedöst, gespielt, gelesen oder gequatscht wird. 

Von verschwendetem Öl – oder vielleicht alternativ dem guten Wein, der schon seit dem Spanienurlaub 2018 darauf wartet, geöffnet zu werden? 

Von guten Worten – dir wir mit geliebten Menschen geteilt haben: Am Telefon, per Textnachricht oder mit einer Postkarte.

Von genossenem Essen – bei dem vielleicht das Rezept ausprobiert wird, das man schon im letzten Jahr zugeschickt bekommen hat?

 

Oder von gewonnener Zeit. Heute. Am Palmsonntag. Denn genau heute wird die Geschichte geschrieben, in der Jesus Christus einzieht in Jerusalem. Einzieht in Ihr Haus. Einzieht in Ihr Leben.

 

Amen.

 

 

Gebet

 

Guter Gott,

Du schreibst Geschichte mit uns. 

Du ziehst ein in unser Leben. 

Du veränderst den Blickwinkel.

Lass uns in dieser Woche verschwenderisch sein. 

Mit unserer Zeit. Mit guten Worten. Mit unserer Liebe.

 

Wir bitten dich für die Menschen,

die für uns Geschichte schreiben.

In Krankenhäusern und Pflegeheimen.
In Feuerwehren und Supermärkten.
In Kitas und Apotheken.
Auf Feldern und in Ställen.

In Ämtern und Gemeinden.

Begleite und stärke sie.

 

Wir bitten dich für die Menschen,

die ihre eigene Geschichte im Moment nicht schreiben können.

Für Flüchtlinge und Vergessene.
Für Opfer von häuslicher Gewalt.
Für Hungernde nach Essen oder Liebe.
Für Einsame und Verlassene.

Halte und bewahre sie.
 

Guter Gott,

du lässt uns teilhaben an deiner Liebe. 

Dafür danken wir dir.

Heute und jeden Tag neu.

Amen.

 

 

(Predigt und Gebet: Vikarin Lina Kohring)

Andacht mit Predigt zum 5. Sonntag der Passionszeit (Judika), 29. 3. 2020

Andacht mit Predigt zum 5. Sonntag der Passionszeit (Judika), 29. 3. 2020

 

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Der Psalm des Sonntags (Psalm 43, 1-5)

Schaffe mir Recht, Gott,

und führe meine Sache wider das treulose Volk

und errette mich von den falschen und bösen Leuten!

         Denn du bist der Gott meiner Stärke:

         Warum hast du mich verstoßen?

Warum muss ich so traurig gehen,

wenn mein Feind mich drängt?

         Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten

         und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,

dass ich hineingehe zum Altar Gottes, 

zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,

und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.

         Was betrübst du dich, meine Seele, 

         und bist so unruhig in mir?

Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken,

dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

         Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist,

         wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

         Amen.

 

 

Das Evangelium des Sonntags (Markus 10, 35-45)

Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

 

Das Lied des Sonntags (EG 97)

1. Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht,

ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht.

Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehen. 

Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

2. Wollen wir Gott bitten, dass auf unsrer Fahrt

Friede unsre Herzen und die Welt bewahrt. Kyrie eleison…

3. Denn die Erde klagt uns an bei Tag und Nacht.

Doch der Himmel sagt uns: Alles ist vollbracht! Kyrie eleison…

4. Wollen wir Gott loben, leben aus dem Licht.

Streng ist seine Güte, gnädig sein Gericht. Kyrie eleison…

5. Denn die Erde jagt uns auf den Abgrund zu.

Doch der Himmel fragt uns: Warum zweifelst du? Kyrie eleison…

6. Hart auf deiner Schulter lag das Kreuz, o Herr,

ward zum Baum des Lebens, ist von Früchten schwer. Kyrie eleison...

 

Hebräer 13, 12-14 (Predigtabschnitt für den heutigen Sonntag; Luther-Bibel)

12 Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, 

gelitten draußen vor dem Tor.

13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager 

und seine Schmach tragen.

14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt,

sondern die zukünftige suchen wir.

 

 

Predigt

Liebe Gemeinde,

„Wie schön wäre es, wenn alles so wie immer wäre!“ Das sagt eine Schülerin, die sich nicht mehr mit ihren Freundinnen treffen kann, das sagt der junge Mann, der statt Homeoffice und Kurzarbeit gerne zur Arbeitsstelle fahren würde, das denkt die alte Frau, die nur noch über das Telefon Kontakte pflegen kann. Vielleicht sagen das auch Sie, die/der Sie diese Zeilen lesen. 

Der Hebräerbrief lädt uns ein, weiter zu denken, einen Weg aus den trüben Gedanken zu finden. Unser Leben wird hier mit einer Stadt verglichen. Eine Stadt können wir uns wohl alle gut vorstellen: Manches in der Stadt wirkt, als ob es für die Ewigkeit gebaut ist, anderem sieht man an, dass es schon verfällt und nicht mehr lange Bestand haben wird.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“: Diese Worte passen in die Zeit, die wir gerade erleben, als wären sie genau für uns geschrieben worden. Sie passen in diese gegenwärtigen Tage, die so ganz anders als gewohnt ablaufen, in denen viele scheinbar feste Bestandteile unseres Lebens zu bröckeln beginnen, in denen wir daher so intensiv über unsere nähere und weitere Zukunft nachdenken. Hier lesen wir ganz grundsätzlich et-was über die Zukunft, über deine und meine Zukunft, Grundsätzliches aus dem Blickwinkel des Glaubens. Hier wird eine grundsätzliche Haltung zum Umgang mit Heute und Morgen ausgesprochen, eine Haltung, die tiefer reicht als etwa die aktuellen Finanzplanungen des Staates oder Überlegungen zum gegenwärtigen und zukünftigen Umgang mit Epidemien und Seuchen, so wichtig auch diese Punkte selbstverständlich sind und bleiben werden. Hier geht es nicht um konkrete Pläne, hier geht es um unsere eigene grundsätzliche Lebenseinstellung, die unaufgebbar zu unserem christlichen Glauben dazugehört: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ 

Im Zusammenhang mit dem Glauben taucht dieser Spruch in einem ganz bestimmten Bereich immer wieder auf, vielleicht ist es Ihnen gleich beim ersten Lesen in den Sinn gekommen? Ich selbst habe manchmal über diesen Spruch gepredigt, eben nie bei Taufen, Konfirmationen oder Hochzeiten, sondern immer bei Beerdigungen. Und dann war es häufig bei Menschen, die nach dem 2. Weltkrieg oder nach dem Ende der Sowjetunion hierhergekommen sind. Ihre ursprüngliche Heimat war keine bleibende Stadt, das hatten sie am eigenen Leib erfahren. 

Überhaupt erinnert die Rede davon, dass wir hier keine bleibende Stadt haben, uns schnell an Sterben und Tod. Da klingt etwas von dem an, was der Volksmund sagt: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Was bleibt am Ende übrig?  Eine Leistung, eine Gedenkstätte, eine Erinnerung? Für wie lange? Und mitnehmen können wir auch nichts... Da bekommt die Rede vom Hemd ohne Taschen und von der Stadt, die nicht bleibt, etwas Melancholisches, so wie eine dunkle Wolke über unserem Leben, die gerade in schweren Zeiten den eigenen Horizont überschatten kann. 

So richtig diese Einsicht sein mag, die das Sprichwort ausdrückt, sie ist vom christlichen Glauben her betrachtet zumindest unvollständig, steht am Ende sogar im Widerspruch zur Grundhaltung unseres Glaubens. „Wir haben hier keine bleibende Stadt“ ist nämlich nur die eine Hälfte unseres Bibelwortes. Wäre das alles, käme nichts hinterher, dann würde unser Glaube jeder Hoffnung entbehren und verlöre sich in Melancholie über die Vergänglichkeit allen Lebens. Zum Glück aber brauchen wir nicht auf halber Strecke stehen zu bleiben, es kommt noch etwas, es kommt das Entscheidende: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ 

Aus der Sicht des christlichen Glaubens braucht kein Mensch schwermütig zu werden, wenn ihm bewusst wird, dass er hier keine bleibende Stadt hat. Das Gegenteil ist der Fall, ist gleichsam der Glücksfall. Alles, was wir hier und jetzt erleben, nicht nur das Schöne, auch das Böse, das Bedrohliche, das Hässliche, alles das bleibt nicht, es kommt Besseres, es kommt das Beste, es kommt von Gott her: Gott wird seine Schöpfung einmal vollenden, sie zu ihrem endgültigen Ziel führen. Und wir als Teil dieser Schöpfung, wir sollen dann auch unsere Erfüllung erfahren. Für uns hat Jesus „draußen vor dem Tor“ gelitten. Unser Leben, das hier und jetzt so bedroht ist, wie wir es gerade durch die Pandemie erleben, dieses Leben, das so vergänglich und bruchstückhaft ist: in Gottes Zukunft soll es vollendet werden. 

Am Ende der Bibel wird das in einem großartigen Bild geschildert: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde… Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen…“: Christlicher Glaube weiß um die Zukunft, um den, der diese Zukunft bestimmt und Wirklichkeit werden lässt. Das sind nicht wir, es ist vielmehr Gott selber, er wird seine Schöpfung vollenden. Dann werden auch wir eine wahrhaft bleibende Stadt haben, die „ewiges Leben“ heißt. 

Darauf warten wir im Glauben, und dieses Warten darf und soll von Vorfreude bestimmt sein, Vorfreude auf deine und meine Vollendung. Das Warten in Vorfreude lässt uns auch dann gelassen und heiter sein, wenn es hier und heute nicht so recht vorangehen will oder eben manchmal auch ganz schlimm wird. Wir warten ja miteinander und wir sind darin nicht allein, gemeinsam suchen wir die zukünftige Stadt: Untereinander erleben wir viele Beispiele von Menschen, die gerade in diesen Zeiten einander helfen, füreinander beten, auch den Einsamen spüren lassen: Du bist nicht allein. Alles Schlimme und Böse ist nicht das Letzte oder das Ende. Am Ende steht Gott, am Ende steht unsere Vollendung, auf dieses Ende dürfen wir uns freuen. 

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir – ihr leben wir im fröhlichen Glauben entgegen. Amen.

 

Gebet

Gott, unser Vater, du bist unsere Hilfe, denn dir ist nicht fremd, 

was uns Kummer macht in der Tiefe unserer Seele. 

Du kennst die Unruhe, die uns umtreibt,

du weißt um die Not unserer Herzen.

Wir danken dir für die Menschen, 

durch die wir deine Hilfe erfahren dürfen,

die für uns da sind, die uns beistehen und uns Mut machen. 

So lass uns doch weiterhin dein Licht und deine Wahrheit,

deine Liebe und deine Güte spüren,

heute an diesem Sonntag und alle Zeit unseres Lebens, 

damit wir dich voll Freude und Dank loben 

und dir getrost entgegengehen.

Im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Amen.

 

(Predigt und Gebet: Friedgard Möllmann)

Andacht zum 4. Sonntag der Passionszeit (Lätare) (22. März 2020)

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Der Psalm des Sonntags (Psalm 84, 1-13):

Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!

Meine Seele verlangt und sehnt sich

nach den Vorhöfen des Herrn;

         mein Leib und Seele freuen sich

         in dem lebendigen Gott.

Der Vogel hat ein Haus gefunden

und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen –

deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott.

         Wohl denen, die in deinem Hause wohnen,

         die loben dich immerdar.

Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten

und von Herzen dir nachwandeln!

         Wenn sie durchs dürre Tal ziehen.

         wird es ihnen zum Quellgrund,

         und Frühregen hüllt es in Segen.

Sie gehen von einer Kraft zur andern

und schauen den wahren Gott in Zion.

         Herr, Gott Zebaoth, höre mein Gebet;

         vernimm es, Gott Jakobs!

Gott, unser Schild, schaue doch;

sieh an das Antlitz deines Gesalbten!

         Denn ein Tag in deinen Vorhöfen

         ist besser als sonst tausend.

Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause

als wohnen in den Zelten der Frevler.

         Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild;

         der Herr gibt Gnade und Ehre.

         Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.

Herr Zebaoth, wohl dem Menschen,

der sich auf dich verlässt!

 

Das Evangelium des Sonntags (Johannes 12, 20-24):

Es waren einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen´s Jesus. Jesus aber antwortete und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

 

Das Lied des Sonntags (EG 396):

1 Jesu, meine Freude, / meines Herzens Weide, / Jesu, meine Zier: / ach, wie lang, ach lange, / ist dem Herzen bange / und verlangt nach dir! / Gottes Lamm, mein Bräutigam, / außer dir soll mir auf Erden / nichts sonst Liebers werden.

3 Trotz dem alten Drachen, / Trotz dem Todesrachen, / Trotz der Furcht dazu! / Tobe, Welt, und springe; / ich steh hier und singe / in gar sichrer Ruh. / Gottes Macht hält mich in acht, / Erd und Abgrund muss verstummen, / ob sie noch so brummen.                                              (Text: Johann Franck 1653

 

 

Jesaja 66, 10-14

(Predigtabschnitt für den heutigen Sonntag; Luther-Bibel):

 

10 Freuet euch mit Jerusalem

         und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt!

Freuet euch mit ihr,

         alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

11 Denn nun dürft ihr saugen

         und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes;

denn nun dürft ihr ihr reichlich trinken

         und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

12 Denn so spricht der Herr:

Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom

         und den Reichtum der Völker

         wie einen überströmenden Bach.

Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen

         und auf den Knien euch liebkosen.

13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet;

         ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

14 Ihr werdet´s sehen und euer Herz wird sich freuen,

         und euer Gebein soll grünen wie Gras.

Dann wird man erkennen

         die Hand des Herrn an seinen Knechten

         und den Zorn an seinen Feinden.

 

Predigt

 

Liebe Gemeinde,

 

zum ersten Mal in der Bibel wird Gott mit einer Mutter verglichen. Es ist ein Bild, das wir von stillenden Müttern und in der christlichen Kunstgeschichte später vor allem von Maria kennen, wie sie den kleinen Jesus stillt. Stillende Mütter sind nicht nur ein Zeichen der Liebe und Fürsorge, sondern auch der Zuversicht und Hoffnung: Wenn sich Mütter um ihre Säuglinge kümmern, ist die Welt noch nicht am Ende, gibt es Zeichen der Hoffnung auch in schweren und schwierigen Zeiten.

 

Der Prophet Jesaja verkündet dem Volk Israel zum einen eine Stadt Jerusalem, an der man sich wie bei einer Mutter satttrinken soll. Damit machte er den Menschen damals Hoffnung. Viele der Israeliten, die noch in Babylon gefangen saßen, waren vor 2.500 Jahren eben noch nicht wieder ins Land Israel gekommen. Aber für das Land gibt es eine Hoffnung. Jerusalem wird wieder erblühen. Die Menschen werden dort Zuversicht, Hoffnung und vor allem auch eine Heimat finden. Das ist die Botschaft Jesajas für Menschen, die daran zweifeln, ob wirklich alles gut werden wird.

 

Dann wechselt das Bild. Letztlich ist es Gott selbst, der sein Volk trösten will. Auch in schwerer Zeit kann man darauf vertrauen, dass Gott sein Volk nicht im Stich lässt.

Wir, liebe Leserinnen und Leser dieser Predigt, stehen in einer anderen Situation als die Menschen damals in und um Jerusalem. Jetzt ist das öffentliche Leben stark eingeschränkt. Selbst Gottesdienste dürfen nicht stattfinden. Die Menschen, die arbeiten dürfen, zum Beispiel in Lebensmittelgeschäften und anderen Betrieben, sorgen sich um die Ansteckungsgefahr. Sie, aber auch gerade andere, die ihre Betriebe oder Geschäfte schließen müssen oder Umsatzeinbußen verzeichnen müssen, sorgen sich um Arbeitsstelle und Existenz.

 

Ebenfalls sehr bedrückend ist, dass Krankenhausbesuche stark eingeschränkt oder unmöglich sind. Wie sollen Familienangehörige Menschen beistehen, die im Krankenhaus liegen (und es muss ja nicht die Erkrankung am Corona-Virus sein, es betrifft alle Patienten)? Ich kenne auch Menschen, die für die Erhaltung der öffentlichen Ordnung wichtig sind, die ihre eigenen Eltern nicht mehr zuhause besuchen dürfen. Auch die Tröstung von Hinterbliebenen verstorbener Menschen ist stark eingeschränkt worden.

Es ist eine richtige Entscheidung, soziale Kontakte möglichst einzuschränken. Das Ziel ist der Schutz älterer und vorerkrankter Menschen. Immerhin ist die Frage der ökonomischen Sicherung der durch Schließungen betroffenen Betriebe in der Öffentlichkeit und in der Politik angekommen. Aber wie werden die Maßnahmen die Seelen der Menschen verändern? Telefon und Internet, im Übrigen auch die „sozialen Medien“, können Gemeinschaft, Kontakt, Trost, gemeinsames Weinen, gemeinsames Bangen und gemeinsames Lachen nicht ersetzen. Wie werden wir damit umgehen, dass am gleichen Wochenende, an dem viele Kirchen, Stätten des Trostes und der geistlichen Einkehr, geschlossen wurden, die Erlebniszeilen in Zwischenahn und an der Bremer Schlachte noch gut gefüllt waren? Es gibt ermutigende Zeichen der Gemeinschaft und gegenseitigen Hilfe, aber beim Toilettenpapier scheinen viele ihre eigenen Nächsten zu sein.

 

Die Ausbreitung des Corona-Virus ist zu nichts gut! Aber die Lage, in der wir uns jetzt befinden, sollte uns nicht zur Panik verleiten. Wir sollten die Ruhe bewahren. Und wir müssen erkennen, dass eins schon galt, bevor das Virus kam, aber in der modernen Gesellschaft leicht vergessen wird: Es ist nicht alles verfügbar! Man kann Vorsorge betreiben, man kann viele Dinge regeln, aber das Leben ist immer wieder gefährdet. Über dem Virus sollten wir nicht vergessen, dass in Syrien Zigtausende Menschen immer noch vertrieben oder getötet werden. Das war schon in den Hintergrund getreten, als wir vor ein paar Wochen noch über den Klimawandel diskutierten. Jetzt hat uns ein anderes Thema eingeholt.

 

Unser eigenes Tun kann einiges bewegen. Aber wir haben nicht alles selbst in der Hand. Wir können unser Leben selbst gestalten, selbst wenn einiges eingeschränkt ist, aber unser Leben ist aufgehoben und geborgen in einem, der größer ist alles, was uns begegnen kann: unserem Gott!

 

Kann eine Mutter eine Beule wegzaubern? Nein! Aber sie kann pusten! Und dabei kommt es wohl nicht auf das Pusten an, sondern dass es meine Mutter ist, die mich geboren hat, die mich nicht loslässt! Auch Gott lässt uns nicht los! Er kümmert sich um uns! Krankheit, Einsamkeit, selbst Trostlosigkeit und Verlassenheit (Jesus selbst ruft am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“) sind keine Zeichen der Trennung Gottes von uns Menschen. Er bleibt uns treu, selbst wenn wir das Haus nicht verlassen dürfen oder wollen.

 

Was wir jetzt erleben, geht uns in´s Gebein! Aber der Prophet Jesaja ist gewiss: Das Gebein, manchmal schlotternd und vordergründig auch dem Ende und dem Verfall preisgegeben, wird grünen. In dieser schwierigen Zeit können auch wir unsere Hoffnung auf einen Gott setzen, der uns nicht dem Verfall preisgeben, sondern uns grünen lassen will.

Behalten Sie bei aller Sorge um sich und um Andere den im Blick, auf den wir unsere Sorge werfen können: Jesus Christus! Zwischen den Extremen von Laisser-faire-Haltung und Panikmache lässt er uns zuversichtlich bleiben, Vertrauen in Gottes Gegenwart behalten und in Verantwortung für den Nächsten das Notwendige tun.

Amen.

 

Gebet

Herr, unser Gott,

uns ist bange!

Um uns selbst und unsere Gesundheit,

um die Gesundheit der Menschen, die wir lieben,

um die Gemeinschaft in unserem Dorf und in der Welt.

Gib uns Kraft, Geduld und Besonnenheit,

lass uns und die Menschen um uns herum gesund bleiben,

schenke den Kranken Zuversicht und Genesung,

ihren Angehörigen Hoffnung und Beistand,

den Sterbenden deine treue Gegenwart über den Tod hinaus.

Gib Zuversicht auch

den Menschen, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen,

den Menschen, die unsere Versorgung und Ordnung aufrechterhalten,

den Männern und Frauen in Politik und Verwaltung.

Tröste uns, wie eine Mutter ihr Kind tröstet!

Gib uns Glauben, der sich nicht beirren lässt,

Hoffnung, die über den heutigen Tag hinaus trägt,

Liebe, die Türen und Herzen öffnet.

Im Namen unseres Herrn Jesus Christus.

Amen

 

(Predigt und Gebet: Tim Unger)

Lina Kohring, Vikarin aus Wiefelstede, gestaltet virtuellen Gottesdienst mit

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